Teil eines Werkes 
Theil 1 (1830) Versuch einer Aesthetik der Tonkunst im Zusammenhange mit den übrigen schönen Künsten nach geschichtlicher Entwickelung / von Dr. Wilhelm Christian Müller Lehrer an der Hauptschule in Bremen
Entstehung
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Dreizehntes Kapitel.

Moderne Musik. Nähere Entfaltung der Ton­geheimnisse und Vorbereitung durch grosse Meister von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Scarlatti, Lully, Rei­ser, Handel, Sebastian Bach, Hasse, Graun, Dur ante, Pergolesi. Ausbilder der Harmo­nie und des Geschmacks. Clavecin, Violino, Flauto traverso.

%. 78.

Das Geheimniss des innersten Wesens der Mu­sik schloss sich mit diesen Erfindungen gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts vollends auf. In der ersten Hälfte verjagte der dreissigjährige Krieg Po- lyhymnien aus Deutschlands Fluren. Nur Jammer und Mordgeheul ertönte; hei Trinkgelagen ver­stummte das deutsche Lied. Die Musik des Mar­sches wurde erfunden, um durch den bestimmten Takt den geregelten Schritt einzuüben. Als man nach i65o wieder Athem schöpfte, regte die Kunst bald ihre Flügel freier, als vorhin.

In Italien, wo der Verfolgungsgeist weniger wüthete, konnte sich die Musik zum Muster em­porschwingen, und 5 o Jahre lang sich als Gesetz­geberin erhalten. Beim Mangel antiker Vorbildun­gen bedurfte sie bei uns eines höheren Anstosses. Diesen erhielt sie durch grössere Freiheit des Gei­stes, den selbst die katholischen Länder im Ge­menge blutiger Fehden von den protestantischen erhalten hatten. Freiere Denkart hatte Einfluss auf besseren Geschmack selbst an den Höfen Oesterreichs,