Teil eines Werkes 
Theil 1 (1830) Versuch einer Aesthetik der Tonkunst im Zusammenhange mit den übrigen schönen Künsten nach geschichtlicher Entwickelung / von Dr. Wilhelm Christian Müller Lehrer an der Hauptschule in Bremen
Entstehung
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Achtes Kapitel.

Zustand der Musik im übrigen Europa. Vor­bereitung zur Erhebung der Tonkunst durch Erfindung der Orgel. Gregor der Siebente. 600 700.

§. 50.

Im siebenten Jahrhunderte, als die plastischen Kunstwerke in Staub sanken, schien für die Musik ein neues Morgenroth aufzugehen. Statt am öst­lichen Horizonte, wo bis dahin alles Licht sich den Abendländern geoffenbart hatte, und wo sich in dieser Zeit wieder Alles verdunkelte, will es jetzt vom nordwestlichen Himmel kommen. Schon zu Anfange unserer Zeitrechnung treten in den wenigen Nachrichten der Römer über westliche und nördliche V ölker einige Dichter und Volks­sänger aus der Dunkelheit hervor unter dem Namen Skalden, Barden, Druiden. Der gothi- sche König Theoderich, ein grosser Kunstfreund, hatte im 5ten Jahrhunderte Geschmack an Musik gewonnen; er Hess aus Rom Citherspieler kommen, und fährte unter seinem Volke beim christlichen Gottesdienste Musik ein. In der alten nordischen Geschichte treten Skalden in Skandinavien auf, welche dichten und singen, wie Saxo Gramma- ticus bezeugt. Thorwald Hialdeson besang einen Sieg; zum Ruhme Jarl Birgers dichtete Sturle Thords011, ein isländischer Skalde, ein Lied; Olof der Heilige verbot aus Liebe zum Christenthume die Gesänge der Skalden, und rief sie zur Schlacht, damit sie seine Thaten besingen könnten. Einige waren verpflichtet, solche Lieder