Teil eines Werkes 
Theil 1 (1830) Versuch einer Aesthetik der Tonkunst im Zusammenhange mit den übrigen schönen Künsten nach geschichtlicher Entwickelung / von Dr. Wilhelm Christian Müller Lehrer an der Hauptschule in Bremen
Entstehung
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Eilftes Kapitel.

Endliche Erhebung der Musik mit der Geistes­kultur am Ende des Mittelalters in Aus­bildung der Skale zu schöneren Melodien, Ak­korden, Harmonien und Neigung zu bestimm­teren Taktarten. Normal-Ton. Sinnbild des Akkords.

§. 64.

Die allgemein fortschreitende Entwickelung des Menschengeschlechts vom Niederen zum Höheren er­scheint manchmal stillstehend auch wohl zurück­gehend doch selten; wie in Philosophie und Theologie, so in den Künsten. Als aber in der- Philosophie und Religion ein helleres Licht aufging, als die Göttlichkeit im Menschen sich aufs Neue verklärte, und die Menschheit aus dem kindlichen Alter der Vorwelt nach ewigen Gesetzen zur Männlichkeit heranwuchs: so änderte sich auch die Sphäre des Gefühls in äusserer Dar­stellung, und erhob sich zur Sphäre der Wis­senschaft und Theorie. Das alte Gefühlsleben musste im Vernunftleben erkannt werden; was dort der Sinn empfand, ist in der Intelligenz der neueren Zeit zum Bewusstsein geworden. In der alten Welt umgaben und begabten Götter und Genien den Menschen; und was er begeistert, phantastisch, in modulirten Tönen aussprach, war inspirirtes Werk; die Wirkungen erschie­nen wunderbar. Mit der neuen Aufklärung ver­lieren die Tone jene unmittelbare magische Kraft, Kranke zu heilen, Todte zu beleben, Ungeheuer zu bändigen.