Teil eines Werkes 
Theil 1 (1830) Versuch einer Aesthetik der Tonkunst im Zusammenhange mit den übrigen schönen Künsten nach geschichtlicher Entwickelung / von Dr. Wilhelm Christian Müller Lehrer an der Hauptschule in Bremen
Entstehung
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Vierzehntes Kapitel.

Erhebung europäischer Tonkunst zu der moder­nen Musik 'über alle Nationen; auch durch vervollkommnete Instrumente, Piano~ forte, Violoncello, Hoboe, Clarinette und freie musikalisc/i-poetische Texte. Metastasio, Gel­iert , Ramler, Wieland, Weisse. Bedingun­gen des musikalischen Textes.

§. 85.

Die sensitive Periode der lebendigeren Gefühls- darstellung in der Melodie gellt seit dieser Zeit zum sensitiv - intellektuellen Bewusstsein und zum absichtlichen Gebrauche der K unstmittel über. So wie sich das menschliche Leben über­haupt allmählig entwickelt, und sich in den Le­bensaltern vom Erwachen aus dem Nachtleben der Kindheit zum Besonnensein am Morgen und bis zur Höhe des Mittags stufenweise Ausbildung zeigt, so wachst jede Kunst, die einfachste, wie die Baukunst, am ersten und schnellsten. Die Mu­sik, als die vielfach-zusammengesetzte, bedurfte die längste Zeit zu ihrer höheren Stufe und zu ihrer vollendeten Männlichkeit, von welcher sie aber auch, wie das menschliche Leben, wenn es eine Zeit lang in unverändert scheinender Kraft stille zu stehen schien, wieder herabsinken muss.

Indem der grösste Theil der europäischen Völ­ker von den grossen Meistern des vorigen Kapitels zum Meridian der tönenden Kunstwelt gehoben wird, scheidet sich die sensitiv - intellektuelle Harmonie nicht blos gänzlich von der antiken.