Teil eines Werkes 
Theil 1 (1830) Versuch einer Aesthetik der Tonkunst im Zusammenhange mit den übrigen schönen Künsten nach geschichtlicher Entwickelung / von Dr. Wilhelm Christian Müller Lehrer an der Hauptschule in Bremen
Entstehung
Seite
300
Einzelbild herunterladen
 

276

Siebenzehntes Kapitel.

Intonation, Tonfarben, Charaktere der Musik und der Instrumente. Gesclimacksverschie- denheit. TVesentliche und zufällige Schönheit.

§. 99.

5) Die Reinheit der Intonation sollte schon früher als Hauptbedingung des Schönen be­rührt sein. Die vorigen Bedingungen gehen die Tondichter, die Komponisten als die Darsteller an; die Intonation ist eigentlich die Sache der Darstel­ler, der Sänger und Instrumentspieler. Sind die vorigen vier Bedingungen im komponirten Stücke gegeben, so können aucli mittelmässige Tonmeister und Gesellen das Gegebene angenehm aufführen.. Klarheit, Wechsel, Massigkeit und Vortrag kann später hinzukommen, um das gegebene Schöne noch zu verschönern. Sie können aber auch durch die eigenthiimlichen Farben ihrer Intonation zum Wohl­gefallen oder Missfallen beitragen.

Zur vollkommenen musikalischen Schönheit ist die Reinheit des Tons der Kehle und der Instrumente ein erstes unentbehrliches Re­quisit. Der gute Bildhauer sucht den reinsten weis­sen Marmor zu seiner Statue, der Maler, mit Far­bensinn gesegnet, wählt die reinsten Farben. Der von Natur klingende, volle, reine Ton eines Ba­der, einer Catalani, einer Amatis chen Geige, eines Streicherschen Fortepiano's thut sebon dem Obre wohl, und hat schon in sich das Ge­präge der musikalischen Schönheit. Man spricht von warmen und kalten, von vollen und dünnen, runden und spitzen, kräftigen und weichen Tönen.