Teil eines Werkes 
Theil 1 (1830) Versuch einer Aesthetik der Tonkunst im Zusammenhange mit den übrigen schönen Künsten nach geschichtlicher Entwickelung / von Dr. Wilhelm Christian Müller Lehrer an der Hauptschule in Bremen
Entstehung
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Siebentes Kapitel.

Stillstand der Tonkunst unter den Römern. Vi- truv, Clemens Romanus. Erhaltung im Chri- stenthume. Constantin der Grosse und P. Sylvester I. bis zu der neuen Erhebung durch P. Gregor im jten Jahrhunderte.

§. 44.

Man kann fragen, warum die Musik nicht früher zu ihrer Vollkommenheit gekommen ist? Wir müssen daher einige innere und äussere Ur­sachen aufsuchen; wobei wir aber auf spätere Pe­rioden verweisen müssen (§. 72.).

Zur vollendeten Tonkunst gehören un­zählige Ingredienzen, die erst noch erfunden wer­den mussten. Es vergingen beinahe i5oo Jahre, ehe der Grund unserer schöneren modernen Musik gelegt werden konnte (nicht der neuesten, überkünstelren). Bis dahin blieb fast ein allgemei­ner Stillstand. Wie die Arkadier die Tonkunst nach Italien gebracht hatten, so blieb sie auf ihrer Stufe, oder eigentlich, sie versank unter den Rö­mern, unter der Völkerwanderung, unter den ewi­gen Kriegen des Nordens mit dem Süden. Des Westes mit dem Osten. Als innere Ursachen kann man den fortdauernden Mangel am harmonischen Dreiklange ansehen, der erst mit Erfindung der Taslinslrumente gefunden werden konnte, und an der Einführung des bestimmten Taktes, der noch einige Jahrhunderte später erfunden wurde.

Die äusseren Ursachen sind noch wichtiger, in so fern das Gute, was schon da gewesen, wieder durch die Völkerkriege untergegangen war so