Elftes Kapitel.
Rußlands UolonialvolitiK bis zum 19. Jahrhundert.
In seinen Aufsätzen über die Kolonialpolitik sagt Koscher einmal, die germanische Welt habe ihre Kolonisten vornehmlich nach Nordwesten, die romanische nach Südwesten ausgesandt, die slavische Völkerfamilie habe mit dem traurigen Nordosten vorlieb nehmen müssen. Offenbar dachte der große Begründer der deutschen Kolonialwissenschaft dabei an das älteste Kolonialgebiet der Russen, an Sibirien, gewiß nicht an ihre südlichen Expansionsgebiete, den Kaukasus, TransKaspien und Zentralasien. Kber auch für Sibirien trifft das ungünstige Urteil nur in beschränktem Maße zu. Mächtige Strecken im Westen und 5üden stehen dem Bsten Europas Klimatisch nahe und bergen einen gewaltigen Reichtum an Wald, fischreichen Flüssen, Tieren aller 5lrt und fruchtbarem Loden für Koggen, Weizen, Rartoffeln und Tabak, endlich an mannigfachen mineralischen Schätzen wie Kohle, Kupfer, Eisen und Edelmetallen. Freilich eine bequeme Verbindung mit dem Weltmeere wie in Nordamerika gibt es infolge des rauhen Klimas seiner Eismeerküste nicht. Kber einer tatkräftigen Nation gewähren jene Reichtümer weiten Spielraum zur fruchtbringenden Arbeit, sowie zur Fortpflanzung ihrer Nasse auf neuem Boden, und die geographische Lage ermöglicht die Erschließung ferner, bisher nur zur See oder gar nicht zugänglicher Länder.
Die russische Kolonisation entsprang aus ähnlichen Ursachen wie die westländische, wenn auch die Formen andere waren. Wie bei den Portugiesen und Spaniern war sie eine Fortsetzung der mittelalterlichen Traditionen, womit sich Kommerzieller Unternehmungsgeist verbündete. Freilich Kannten die Russen Keine Sehnsucht nach den Wunderländern Indien und Japan, aber einen Rassen- und Glaubenskampf hatten auch sie wie die pnrenäischen Völker geführt. Die Mongolenherrschaft, die dreihundert Jahre auf ihnen lastete, wurde in der Zeit, da die Spanier mit dem europäischen