Jahrgang 
1 (1910) Beiträge zur Landeskunde von Neu-Mecklenburg und seinen Nachbarinseln / von Karl Sapper. Mit einem Beitr. von C. Lauterbach
Entstehung
Seite
117
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Zwölfter Abschnitt: Die Landschaft.

Ich habe in den vorstehenden Abschnitten ver­sucht, nach der vorhandenen spärlichen Literatur, sowie nach meinen und Friedericis Auf­nahmen, Erkundigungen und Eindrücken die Skizze einer Landeskunde von Neu-Mecklenburg und sei­nen Nebeninseln zu entwerfen freilich mit Aus­schluß der anthropologischen, ethnographischen und ethnologischen Besprechung, welche dem Bericht Friedericis vorbehalten bleiben muß. Ich halte es aber nun noch für angebracht, Rechenschaft von der landschaftlichen Eigenart des Gebietes zu geben und die Eindrücke zu skizzieren, welche dieses schöne Stück der Südseewelt auf die Sinne des Be­suchers ausübt. Ich bin mir wohl bewußt, daß dieser Versuch nur mangelhaft gelingen kann, denn wer vermöchte die vielgestaltigen Gebilde einer fremden Natur, die wechselvollen Kombinationen der Einzelelemente, den Zauber der Stimmung ein­zelner Momente so festzuhalten und in Worten wie­derzugeben, daß auch demjenigen, der das Gebiet nicht aus eigener Anschauung kennt, vor dem geisti­gen Auge ein der Wirklichkeit nahekommendes Bild der Landschaft erstehe? Es gehörten dazu ein Auge und eine Gestaltungskraft, wie sie mir nicht im entferntesten zu eigen sind, und doch halte ich es zur Ergänzung meiner vorausgegangenen Darle­gungen für notwendig, einen Versuch der Land­schaftsschilderung zu machen, um wenigstens in groben Umrissen einen Begriff von der Gesamter­scheinung dessen zu geben, was in den vorangegan­genen Abschnitten gesondert besprochen worden ist.

Mir selbst war die Inselwelt der Südsee noch fremd, als ich mich nach dem Bismarck-Archipel einschiffte, und mit gespannter Aufmerksamkeit harrte ich daher der landschaftlichen Erscheinungen, die ich sehen sollte, als wir von Sydney aus unserem Ziele zufuhren. Nach längerer Fahrt auf offenem Meere außer Sicht des Landes kamen wir zunächst bei schönstem blauen Himmel, an dem sich einige weiße Wolkenballen langsam dahinzogen, in die Nähe einiger winziger Inselchen, die mit senkrechten Wänden aus dem blauen Meere auftauchten und auf ihrem gerundeten Rücken Gras und Buschwerk oder auch vereinzelte Bäume trugen. Nichts von tro­pischer Üppigkeit und Fülle und wenn nicht die drückende Hitze mich eindringlich davon überzeugt hätte, daß ich mich in den Tropen befände, so hätte ich glauben können, ich wäre noch in gemäßigten Regionen. Aber bald tauchten dann etwas größere hochragende Inseln in großer Zahl vor uns auf, und

indem wir zwischen ihnen dahinfuhren, bemerkten wir, daß diese fast völlig vom dichtesten tiefgrünen Urwald bewachsen und nur an einigen Steil­hängen von Grasfluren bestanden waren, deren lich­tes Grün und einfache Fläche sich wirksam von den dunkleren Tönen der rundlich gewellten Oberfläche des Waldes abhob. Diese Grasfluren sind offenbar die Anzeichen früherer Erdrutsche, wie sie in den Tropen so häufig auftreten und besonders leicht an Inseln, deren Küsten von der Brandung des Meeres unterspült werden. Diese Rutschflächen, wie die gerundeten Oberflächenformen dieser Landgebiete, sagten mir aber auch, daß diese Inseln nicht aus Kalkstein bestehen können, sondern aus zersetz- lichen Gesteinen aufgebaut sein müssen. Einzelne Büsche und Bäumchen, die sich auf manchen der Rutschflächen angesiedelt hatten, sagten mir ferner, daß hier wie in ähnlichen Gebieten Zentral-Amerikas und West-Indiens diese Grasfluren nur ein vorüber­gehendes Dasein haben werden, und daß durch immer reichlichere Ansiedlung von Holzgewächscn sich an ihrer Stelle allmählich ein sekundärer Wald herausbilden werde, der seinerseits wieder lang­sam in Urwald übergehen wird. Auf den meisten dieser Inseln reicht der Wald bis an das Meer heran, und einzelne Schlinggewächse hängen so tief herab, daß die Wellen des erregten Meeres sie noch streifen müssen. Selten nur zog sich ein schmaler Strand zwischen Wald und Meer hin; nur vereinzelt ragten da und dort etliche Kokospalmen stolz am Ufer auf, und tief versteckt im Grün der Vegetation lag auch wohl einmal eine auf Pfählen stehende blättergedeckte Eingeborenenhütte da; auf den Wassern aber ruhte nahebei dann auch das Auslegerboot eines fischen­den Eingeborenen, oder es fuhr eines in rascher Fahrt dem Strande zu. Zum erstenmal sah ich hier das für die Südsee so charakteristische Bild der in gleichen Abständen hintereinander im Boot sitzen­den Eingeborenen, die das freihändig geführte Paddel im Gleichtakt steil vor sich bis Haupteshöhe emporheben und dann in langem Zuge durch das Wasser ziehen.

Immer dichter drängt sich der Schwärm der waldigen Inseln zusammen, immer wechselvoller gestaltet sich das Landschaftsbild, während wir uns zwischen den Landflächen dahinwinden; bald lugen aus dem Dunkel des Waldes da oder dort einmal künstliche Lichtungen heraus, die wohl bestimmt sind, später Kokospalmpflanzungen zu tragen die ersten Pioniere europäischer Kultur in dieser