Erster Teil.
Konstruktion der Karten und Beobachtungsmaterial.
Einleitung.
Der geographische Forschungsreisende, der in wenig bekannte Länder hinauszieht, kann ganz verschiedene Ziele verfolgen. Gar mancher sucht in der Ferne in erster Linie neue Erscheinungen; was er sieht, betrachtet er vor allem unter dem Gesichtspunkt, ob danach neue allgemeine Gesetze der physischen Erdkunde aufgestellt werden können oder bereits bekannte eine Erweiterung oder neue Anwendung erfahren dürften; die geographischen Tatsachen selbst verzeichnet er natürlich auch, aber sie sind ihm nicht das Erste und Wichtigste, sie füllen nicht seine Seele aus. Andere Reisende aber richten ihr Hauptaugenmerk auf die Festlegung möglichst vieler geographischer Tatsachen; sie finden ihre Hauptbefriedigung im Entwerfen eines möglichst getreuen und sorgfältigen Kartenbildes des bereisten Gebiets und einer möglichst verständlichen landeskundlichen Darstellung desselben; wenn sich ihnen außerdem Beobachtungen ergeben, die zu einer Bereicherung der allgemeinen Lehren der Erdkunde führen, so werden sie dies gewiß mit Freuden begrüßen, aber sie werden es nur als einen erfreulichen Nebengewinn ihrer auf die geographische Darstellung gerichteten Hauptbeschäftigung betrachten. Ich selbst habe fast immer der zweiten Gruppe von Reisenden angehört, und als sich mir die Gelegenheit bot, die Expedition nach Neu-Mecklenburg als Geograph mitzumachen, da ging ich mit Freuden auf den Antrag ein, weil ich hier die Möglichkeit vor mir sah, in einem mir bisher fremden Erdengebiet eine Landfläche zu untersuchen und darzustellen, die ein abgeschlossenes Individuum genannt werden kann und zugleich räumlich hinreichend begrenzt war, um in der zur Verfügung stehenden kurzen Zeit wenigstens auf den Hauptlinien durchreist werden zu können. Und außerdem war es mir eine Freude, nach so vielen fremdländischen nun auch einmal eine deutsche Kolonie kennen zu ler
nen und mein Scherflein zu ihrer Erforschung beitragen zu können!
Da Friederici es unternommen hatte, die Völkerverhältnisse zu untersuchen, so blieb mir die Aufgabe, einen überblick über die Naturverhältnisse des Gebiets zu gewinnen. Es versteht sich, daß ich diese Aufgabe in einer eingeschränkten Form verstehen mußte; es blieb mir natürlich keine Zeit zur Anlegung von botanischen und zoologischen Sammlungen; 1 ) ich habe mich vielmehr hauptsächlich auf die Feststellung topographischer und geologischer Tatsachen konzentriert. Außer der in meinem Arbeitsplan gesondert verlangten Aufgabe, die wirtschaftlichen Verhältnisse und Möglichkeiten des Gebiets zu untersuchen, sah ich vor mir die beiden Ziele, möglichst gute Karten des Gebiets zu entwerfen und eine landeskundliche Darstellung desselben in Worten zu versuchen.
Da ich mir von vornherein nicht verhehlen konnte, daß zur landeskundlichen Darstellung eines Gebietes, über welches nur sehr spärliche Literatur und noch weniger wissenschaftlich brauchbares Zahlen- und Beobachtungsmaterial vorliegen, ein viel längerer Aufenthalt im Lande selbst notwendig wäre, als mir vergönnt gewesen ist, namentlich auch ein Aufenthalt nicht rastlosen Fortstrebens von Ort zu Ort, sondern — zeitweise wenigstens auch — ruhigen Verweilens an einzelnen Orten zum stillen Versenken in die Eigenart seiner Natur und seiner Menschen, so war mir also klar, daß das Hauptergebnis meiner Reisen die Karten sein würden, die ich nach den gemachten Aufnahmen und den bereits vorhandenen anderweitigen Quellen entwerfen würde. Es lag mir also in erster Linie daran, möglichst viel topographisches und geologisches (auch pflanzengeographisches) Material während der Reise zu sammeln, um hernach daraus möglichst
*) Zoologische Sammlungen in kleinerem Maßstäbe hat jedoch Friederici gemacht.