Stumme Liebe
Märchen von Musaeus (1782/86)
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s war einmal ein reicher Kaufmann, Melchior von Bremen genannt, der sich immer hohnlächelnd den Bart strich, wenn vom reichen Mann im Evangelium gepredigt wurde, den er im Vergleich mit sich nur für einen kleinen Krämer schätzte. Er hatte des Geldes so viel, das; er seinen Speisesaal mit harten Talern pflastern ließ. Der schlaue Bremer merkte wohl, daß die Neider und Tadler dieser scheinbaren Eitelkeit nur den Ruf seines Reichtums ausbreiten und seinen Kredit dadurch mehren würden. Er erreichte diese Absicht vollkommen; das tote Kapital von alten Taleru, das so weislich im Speisesaal zur Schau aufgestellt war, brachte hundertfältige Zinsen durch die stillschweigende Bürgschaft, die es in allen Äandelsgeschäften leistete; aber endlich wurde es doch eine Klippe, woran die Wohlfahrt des Äauses scheiterte.
Melchior vou Bremen starb auf einen jähen Trunk bei einem Quabbenschmause, ohne daß er Zeit hatte, sein Äaus zu bestelle«, und hinterließ all' sein Äab und Gut einem einzigen Sohne im blühenden Jünglingsalter, der eben die Jahre erreicht hatte, die väterliche Erbschaft gesetzmäßig anzutreten. Franz Melchcrson war ein herrlicher Junge uud hatte von der Natur die besten Anlagen empfangen. Sein Körper war regelmäßig gebaut, dabei fest, sein Gemüt heiter, als wenn geräuchert Ochsenfleisch und alter Franzwein auf seiue Existenz Einfluß gehabt hättcu. Auf seineil Wangen blühte Gesundheit, und aus deu braunen Augen sah Behaglichkeit uud froher Iugcud- sinn hervor. Er glich einer markigen Pflanze, die nur Wasser uud ein mageres Erdreich bedarf, um wohl zu gedeihen, in allzu
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