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Das Bremer Gastbett : Altes und Neues / zsgest. von Konrad Weichberger
Entstehung
Seite
172
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Rainer Maria Rilke

Festspiel-Szene

zur Einweihung der Kunsthalle am 15. Februar 1902

Dein (Gedächtnis der Frau Christiane Rassow

Der fremde: Ihr tut das Äaus der Bilder auf bei Nacht?

Der Künstler: Wir tuu es auf cm eiuem Feierabend,

wenn in der Stadt ein lauter Werktag schließt, ein Tag der Arbeit, Alltag durch und durch: Die Kammer werden still, du hörst die Äerzen. In dieser ersten Stille nach dein Lärm tuu wir das Tor auf zu dem Äaus der Stille, das lauter Säle voller Schweigsamkeit mit dem erneuteu Mauerwcrk umfaßt. Denn Bilder schweigen . . .

Der Fremde: Also saht ihr dort

in jenem Saale Bilder?

Der Künstler: Ja und nein.

Die Bilder, die wir sahen, sind nicht mehr uud wareil doch voll Anvergänglichkeit. Der Vorhaug teilte sich vor uus. Man sah den Gang des Klosters und die Pförtnerin, die Dienerin der Lampe und des Tores, und die Madonna stand in steifem Staat; man sah: und faud ihr Lächelu und verlor es: und die Madonna stand in Goldbrokat. Llnd vor ihr kniete eine Nonne hin, die, bang und ahnend, um das Leben bat . . . und unbeweglich stand die Königin . . .