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Die Kolonial-Bilanz : Bilder aus der deutschen Kolonialpolitik auf Grund der Verhandlungen des Reichstags im Sessionsabschnitt 1905/06 / dargestellt von M. Erzberger
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Die beste Fürsorge für die Eingeborenen ist die beste Kolonial­politik! Der Urbewohner der Kolonie ist wertvoller als Edelmetall eines Landes! Hebung der Eingeborenen auf eine höhere Kultur­stufe muß daher Ziel einer jeden vernünftigen Kolonialpolitik sein. Den Eingeborenen aber erweist man den unschätzbarsten Dienst, indem man sie zu Christen erzieht; daraus ergibt sich die Not­wendigkeit der Förderung des Missionswesens. Der angesehene französische Kolonialpolitiker Leroy Beaulieu meint:

Mit Hilfe der Missionen habe Spanien die Bewohner eines großen Teils von Südamerika wenigstens einigermaßen zivilisiert, während die der englischen Kolonie, wo keine nennenswerte Missions­tätigkeit stattfand, größtenteils ausgerottet worden seien. Durch Kaufleute, Beamte, Schulen allein lasse sich keine erfolgreiche Koloni­sation treiben. Nur mit Hilfe der Mission sei die Erziehung und Zivilisierung der Wildeu möglich.

Aber gerade hierbei hat es die deutsche Kolonialpolitik schwer fehlen lassen. Wir wollen nicht aus der Unmenge der privaten Be­schwerden der Missionare hier einige Beispiele herausgreifen, sondern nur mitteilen, was der Abg. Erzverger am 16. Januar 1906 im Reichstage ausführte:

Ich brauche nicht die grüßen und lebhaften Klagen, die über die Aus­breitung des Mohammedismus in Deutsch - Ostafrika, Togo nud Kamerun auf dein Kolonialkongreß erhoben worden sind, zu wiederholen; aber ich konstatiere, daß nicht nur die Vertreter beider christlichen Missionen, beider Konfessionen, sondern auch die Vertreter der sogenannten wirtschaftlichen Kolonialpolitik, des Handels und des Plantagenwesens in der Sektion 5 offen erklärt haben: der Mohammedanismus ist der größte und schwerste Feind, den die deutsche Herrschaft in Ostafrika überhaupt haben kann, und seitens der Regierung muß alles geschehen, um diesem Feind entgegen­zutreten. Statt dessen finden wir Maßnahmen, die geradezu auf eine Be­günstigung des Mohammedanismus hinausgehen. Wenn z. B- in den Regierungsschulen einige Jahre hindurch mohammedanischer Religions­unterricht erteilt worden ist (hört! hört! in der Mitte), was allerdings jetzt abgestellt worden ist, wie ich zugebe, so muß in den Köpfen der Eingeborenen die Idee wach werden, di.e sie auch offen aussprechen, der Mohammedanismus ist die Staatsreligion des Deutschen Reiches, und unser Kaiser sei der oberste Herr der Mohammedaner. Das ist die Ansicht, die in den weitesten Kreisen, besonders am Tanganyikasee, ganz gang nnd gäbe ist. Diese Ansicht wird in jener Gegend noch dadurch mächtig gefördert, daß nach den Mitteilungen, die mir zugegangen sind, drei Moscheen in den Secugebieten mit Hilfe und Unterstützung deutscher Reichsmittel gebaut worden sind (hört! hört! in der Mitte), daß bei Eröffnung dieser Moscheen der betreffende Bezirksbeamte in großer Gala erschienen ist. Wenn wir weiter erfahren, daß bei Wahlen von Stammeshäuptlingen, wo ein christlicher und ein mohammedanischer Kandidat um den Sieg ringen, die offiziellen Vertreter der deutschen Regierung stets auf feiten des mohammedanischen Kandidaten stehen, so kann das bei meinen politischen Freunden freilich keine besonders große Begeisterung für unsere deutsche Kolonialpolitik erzengen. Die Folgen einer solchen Maßnahme