Druckschrift 
Die Kolonial-Bilanz : Bilder aus der deutschen Kolonialpolitik auf Grund der Verhandlungen des Reichstags im Sessionsabschnitt 1905/06 / dargestellt von M. Erzberger
Entstehung
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Vorwort.

Die Reichstagsverhandlungen im Winter 1905/06 waren für die deutsche Kolonialpolitik von weittragender Bedeutung; nachdem vor 20 Jahren das Deutsche Reich in die Reihe der Kolonialmächte eingetreten ist, hat nunmehr der Reichstag die Bilanz der zwei ver­flossenen Jahrzehnte gezvgen, Sie war in wirtschaftlicher Hinsicht nicht vielversprechend, wenn sich auch einige Ansätze auf eine bessere Zukunft zeigen; in moralischer Richtung aber bedeutet die deutsche Kolonialpolitik kein Ruhmesblatt in der Geschichte unseres Volkes, und es ist ein herzlich schlechter Trost, sich sagen zu müssen, daß bei anderen Kolonialvölkern es auch uicht besser sei.

Der Verfasser dieser Broschüre stand in diesen Debatten weit mehr im Vordergrund, als ihm persönlich lieb war; denn angenehm ist ein solcher Kampf nicht; aber er hat es als Volksvertreter als seine Pflicht aufgefaßt, gegen die ihm bekannt gewordenen Mißstände in der Kolonialverwaltuug auszntreten, jedoch nicht nnr kritisierend, sondern auch Wege zeigend, die eine bessere Zukunft erhoffen lassen! Trotzdem dürfte seit Bestehen des Reichstages keines seiner Mitglieder in einer solchen persönlich gehässigen Weise von einem Teil der Presse in erster Linie von der sog. kolonialfreundlichen angegriffen worden sein. Tut nichts und nützt nichts! Ich gehe meinen Weg, den mir Pflicht und Gewissen vorschreiben!

Vorliegende Schrift aber soll einem weiteren Leserkreise die Möglichkeit geben, sich ein eigenes Urteil zu bilden; deshalb sollen hier nur die Tatsachen redeu. Das Material ist fast ausschließlich deu stenographischen Berichten des Reichstags entnommen.

Wer dasselbe ruhig und sachlich Prüft, der wird mit dem Ver­sasser zu der Ueberzeugung kommen, daß nur ein tiefer Schnitt das schon lange eingefressene Uebel beseitigen konnte, daß aber dieser im Interesse des Mutterlandes und der Kolonien notwendig war.

Berlin, im April 1906.

Der Verfasser.