Druckschrift 
Die Kolonial-Bilanz : Bilder aus der deutschen Kolonialpolitik auf Grund der Verhandlungen des Reichstags im Sessionsabschnitt 1905/06 / dargestellt von M. Erzberger
Entstehung
Seite
9
Einzelbild herunterladen
 

9

mich gegen eine derartige Beschuldigung verwahre». Für vernünftige Kolonisationen sind wir, werden wir sein nnd werden auch Opscr dafür dringen, aber für Aventuren nicht. Eine Bedingung jeder Kolonisation wird es bleibe», daß das Missionswcsen voll und ganz hergestellt wird; denn wir werden doch nicht die Eingeborenen, unter denen wir uus niederlassen, nach dem Beispiel anderer Volker nieder­schießen und ausrotten; wir werden sie zivilisieren, wir werden sie zu uns hergewöhnen und zn wirklichen Menschen erziehen wollen."

Mmi kann auch nicht mit der Behauptung kommen, daß eine große A nzahl Deutsche r in den Schutzgebieten ihren Lebens­unterhalt finden; der Versuch, unsere Kolonien, soweit es das Klima zuläßt, als Ausiedlerkolouien auszubeuten, darf bereits als gescheitert angesehen werden. S n d w c st a f r i k a hat man meistens früher so sehr gerühmt; jetzt hört man neben anderem schon, daß nur 50 090 Weiße sich dort niederlassen können, d. h. die Bevöltcrnngszahl einer deutschen Mittelstadt. 1894 lebten in unseren Kolonien nur 1435 Deutsche; 1904: 5495; die Zahl der Deutschen in Kiantschan ist aus dem Statistischen Jahrbuch nicht ersichtlich, ebenso nicht, ob Beamte und Militär mitgezählt sind.

Ursachen des kolonialen Fiaskos.

Der Umstand, daß in unseren größten afrikanischen Schutz­gebieten Unruhen herrschen und Aufstände anSgebrochen sind, läßt er­kennen, daß diese nicht lediglich auf lokale Ursachen zurückzuführen sind. Solche mögen mitgewirkt haben, aber es gibt Ursachen, die allgemeiner Natnr sind, nnd solche sollen hier behandelt werden.

I. SMemlosigkett in Ser holonia>poliM.

Was wir in der Kolonialpolitik besonders vermissen, das ist ein bestimmtes Kolonialprogramm, eine einheitliche Kolonial­politik. Freilich weiß ich, daß das allerschönste Kvlonialprogramm noch lange nicht rnhige Kolonien schafft. Es kommt anch hier in erster Linie auf die Ausführung desselben an. Der Herr Reichs­kanzler hat nun am letzten Samstag auf sein kolonialpolitisches Pro­gramm hingewiesen, das er im Dezember 1904 entwickelt hat. Aber ich gestatte mir zu bemerken, daß ich dieses Programm nicht für genügend ansehen kann. Er sprach von dem Mechanismus der Zentralinstanz, er sprach von einer Aenderung in der Organisation, die auch ich teilweise für nötig halte, die ich ans anderen Gebieten