XVI.
Die Volkselemente in Madagaskar.
Unlängst hat der verdienstvolle Madagaskar-Reisende Alfred Grandidier in einer öffentlichen Sitzung im Institut äs ^ranee eine sehr bemerkenswerthe Rede über die Volkselemente der Insel Madagaskar gehalten und hierbei als Curiosum erwähnt, daß die Litteratur über die genannte Insel gegenwärtig etwa anderthalbtausend Bücher, Broschüren und Karten umfaßt. Es macht das schon eine kleine Bibliothek aus, und man sollte erwarten, daß wir über jenes Gebiet sehr genau unterrichtet sind.
Aber man braucht die Litteratur — uud die neuere macht hierin keine Ausnahme — nur zu durchmustern, um bald genug die Ueberzeugung zu gewinnen, daß in derselben vieles werthlos oder geradezu erfunden ist. Grandidier hat viel dazu beigetragen, den Gehalt gewisser Angaben ohne Schonung zu enthüllen.
Die widersprechendsten Meinungen lassen uns kein richtiges Bild des Landes gewinnen, und über das Volk herrschen bei uns in Europa bis zur Stunde noch die verkehrtesten Vorstellungen.
Während einige Autoren von dem sympathischen Wesen der Madagassen bezaubert sind, schildern andere wiederum das Volk iu den düstersten Farben und erblicken in ihm den Ausbuud von Verlogenheit, Heuchelei, Niederträchtigkeit, Grausamkeit und Jmmoralität.
Wo liegt nun die Wahrheit uud woher rühren die so widersprechenden Urtheile?
Madagaskar ist zweifellos eine höchst originelle Welt, in welcher die merkwürdigsten Gegensätze vorkommen. Ist ja schon der Boden voller Kontraste. Ausgedehnte Küstenebenen wechseln mit einer gewaltigen Gebirgswelt. Reich bewässerte Gegenden finden sich neben völlig dürren Regionen. Während auf weiten Gebieten der Boden mit einer gewaltigen