XV.
Die Thierwelt von Madagaskar.
Schon der alte und geistreiche Geoffroy St.Hilaire that den Ausspruch, die Insel Madagaskar bilde gleichsam einen sechsten Welttheil, wenn man sie nach ihren zoologischen Erzeugnissen beurtheilen soll, und so oft ein verwegener Reisender von diesem Gebiet herkam und seine Sammlungen dem Kreise der Zoologen vorlegte, so durfte mau auf eiue große Ueberraschung rechnen.
Und je mehr man forscht, um so erfreulicherm Fundeu wird mau dort begegnen; die niedere Thierwelt namentlich ist noch wenig durchsucht, sie bot mir viele neue und überraschende Erscheinungen.
Die Wissenschaft hat später dieses Gebiet als Ueberbleibsel eines im Indischen Ocean versunkenen Kontinents zu deuten versucht — es ist das viel verspottete Lemurieu, die angebliche Urheimat des Menschengeschlechtes, von welcher ein etwas boshafter Poet singt:
„Lenmrici heißt daS schöne Land, Wo unsere Affenwiege stand!"
Lassen wir zunächst die Wiege des menschlichen Geschlechtes uuer örtert, so hat der lebhafte und weitblickende Franzose im Grunde deu Nagel auf den Kopf getroffen, und nachdem ich das so eigenartig gestaltete organische Leben dieser großen Insel mit eigenen Augen gesehen, so will ich gleich das Bekenntniß ablegen, daß mir das alte Lemurieu gar uicht so spottwnrdig erscheint.
Die Thierwelt von Madagaskar in ein afrikanisches Gewand hineinzwängen wollen, hieße den Thatsachen geradezu Zwang anthun, wenu auch die geographische Lage eigentlich hierzu drängt. Man muß doch aufrichtig zugeben, daß die heutige afrikanische Thierwelt derjenigen von Indien weit näher steht als derjenigen von Madagaskar, wenn auch die räumliche Entfernung eine viel größere ist.