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Reisebilder aus Ostafrika und Madagaskar / von Conrad Keller
Entstehung
Seite
194
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XII.

UM-Se.

Nossi-Be, d. h. große Insel, ist ein Stück madagassischer Erde, welches allenfalls im Bureau des französischen Marineministers genannt wird, wenn es sich um die Bewilligung von Budgetposten oder um die Ernennung eines neuen Kommandanten handelt; in der übrigen Welt dürfte Nossi-Be kaum dem Namen nach bekannt sein.

Nur höchst selten gelangt ein Reisender nach dieser hart an der Nordwestküste von Madagaskar gelegenen Insel, als Kolonie hat sie wenig von sich reden gemacht, und doch ist Nossi-Be eine kleine Perle im ostafrikanischen Archipel, welche vielleicht in nicht allzuferner Zeit gewürdigt wird.

Unter einem echt tropischen Himmel gelegen, umflutet vou den tiefblauen Gewässern des Kanals von Mozambique, geschmückt mit der herrlichsten Vegetation, hat dieses Eiland mit seinem originellen Still­leben mir Wochen hindurch einen ästhetischen und wissenschaftlichen Genuß verschafft, über welchen ich den ersten Schreck einer herannahenden Blatternepidemie und einer in Aussicht stehenden Quarantäne vergessen konnte.

Hier pulsirt eiu Volksleben, welches an Farbenreichthum und Originalität deu Orient noch hinter sich läßt und von europäischen: Einfluß fast unberührt ist. Dem Neuling muß dasselbe fast märchen­haft vorkommen.

Ich hatte mich in der Kolonie sofort einer guteu Aufnahme zu erfreuen, da die auf Nossi-Be lebenden Europäer aus einer geographischen Zeitschrift bereits Kenntniß von meiner Anwesenheit in Madagaskar hatten.

Der neuernauute Kommandant der Insel, Element Thomas, den ich bereits in Aden kennen gelernt und der sich rasch einer großen Be­liebtheit in seiuem neueu Wirkungskreise zu erfreuen hatte, nahm mich in