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mer ihrem Grundprinzip folgend, das Land stets zur Rechten zu behalten, umsegelten sie das Ost- und Süd-Kap von Neu-Guinea und erreichten schließlich das Gebiet, in dem sich ihre Nachkommen zu den heutigen Westlichen Papuo-Melanesiern
entwickelt und ausgewachsen haben. Ein Teil von ihnen aber konnte im Massim-Lande kolonisieren und stellt heute jene Massim-Stämme dar, in deren Sprachen sich so viel Anklänge zu denen der Bar- riai-Gruppe finden. or ')
Vergleichung der Sprachen.
Ehe ich an die Sprachvergleichung herangehe, muß noch eine allgemeine Bemerkung vorausgeschickt werden.
Es hat sich ganz besonders in Neu-Guinea deutlich gezeigt, daß Sprache, Physis und Kultur, jede allein für sich nicht genügen, um einem Volke seinen bestimmten Platz im Kreise der Völker der Erde mit Sicherheit anzuweisen.
Die Charakterisierung der äußeren Erscheinung der Anwohner der Humboldt-Bai fällt bei den älteren Berichterstattern recht verschieden aus, aber niemand spricht von zwei verschiedenen Völkern. Tatsächlich ist auch im Äußeren so etwas nicht zu bemerken, aber die Sprache sagt bei näherer Kenntnis, daß dies doch der Fall ist. Die Jotafa sprechen eine melanesische Sprache, wenn sie auch stark papuanisch beeinflußt ist; die unmittelbar benachbarten Sek6-Leute aber reden eine Sprache, die sicherlich nicht melanesisch ist. 00 ) Auf dem ganzen mir hier bekannten Küstenstrich, von Humboldt- Bai bis östlich in die Gegend, die den Le Maire- Inseln gegenüberliegt, stoßen wir auf ähnliche Verhältnisse: Ihrer Physis und ihrer Kultur nach sind auf dieser ganzen langen Linie die Stämme nahezu gleich, nur in Kleinigkeiten voneinander verschieden; einzelne Unterschiede in der äußeren Erscheinung lassen sich leicht durch die verschiedene Güte der Ernährung erklären. Aber melanesische Sprachen und solche, die es nicht sind, wechseln in bunter Reihe ab.
Auf der Südküste von Neu-Guinea haben wir die gleichen Verhältnisse: Die als Westliche Papuo- Melanesier zusammengefaßten Stämme sprechen teils melanesische, teils Papua - Sprachen, und Seligmann zeigt nachdrücklich an dem Bei-
65 ) Auf Pater Schmidts sogenannte „vermittelnde melanesische Sprachengruppe" einzugehen liegt in dieser Abhandlung keine Veranlassung vor. (cf. P. Schmidt: „Die sprachlichen Verhältnisse Oceaniens", p. 251—254.)
6ti ) „Nieuw Guinea, 185S", p. 169; — van der Aa: „Reizen", p. 275; — Moresby: „Discoveries", p. 288.
spiel der Motu- und Marshall Bennet-Leute, daß körperliche Ubereinstimmung keineswegs genügt, um zwei Stämme ohne weiteres zusammenzugrup- pieren." 7 )
Ein drittes Beispiel mag aus der Gruppe der Neuen Hebriden genommen werden: Die Leute des mittleren Mae und die Bewohner von Atiiwa sprechen polynesische Dialekte, sind aber äußerlich von den Melanesien: der Nachbarschaft nicht zu unterscheiden. Die Weasisi-Leute, die ich von Tanna als Führer und Dolmetscher nach Aniwa mitgenommen hatte, unterschieden sich äußerlich in nichts von den Niwa-Leuten. 08 )
Die Behauptung von P. Schmidt, daß die eine Papua-Sprache redenden Eingeborenen von Neu-Guinea auch in somatischer und ethnologischer Hinsicht als durchaus verschieden von den benachbarten, eine melanesische Sprache redenden Völkerschaften seien, ist nicht richtig. 00 )
Wenn nun die soeben angeführten Beispiele zeigen, daß Körper und Kultur an sich nicht in jedem Falle genügen, um einem Volke seinen bestimmten Platz anweisen zu können, so beweisen sie auch zu gleicher Zeit, daß auch die Sprache allein nicht in allen Fällen zu solchen Bestimmungen ausreicht. Wenn wir aber eine Sprache in den Grundzügen ihrer Grammatik und in wichtigen und zahlreichen Bestandteilen ihres Wortschatzes in einer weit entfernten Gegend wiederfinden, dann ist damit bewiesen, daß Träger jener Sprache hier gelebt haben müssen. Denn einzelne Sprachteile können wohl entnommen werden, eine ganze Sprache wird nicht geborgt oder nach auswärts verliehen.
Ferner, wenn ein einzelnes wanderndes oder verschlagenes Boot mit nur wenigen Männern und
67 ) Seligmann: „Melanesians", p. 5, 31; — Derselbe: „Classification", p. 248, 249.
^ Codrington: „Languages", p. 9, 10, 13.
69 ) P. Schmidt: „Die sprachlichen Verhältnisse Oceaniens", p. 249.
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