Teil eines Werkes 
3 (1913) Untersuchungen über eine melanesische Wanderstraße / von Georg Friederici
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Der gegenwärtige Stand des

Es ist erstaunlich, wie wenig Kenntnis über die Völker- und Sprachenkunde der Molukken wäh­rend der ersten 350 Jahre nach der Erreichung jener Gebiete durch die Europäer gewonnen worden ist. Die Portugiesen haben während ihrer rund hundert­jährigen Herrschaft dort so gut wie nichts in dieser Hinsicht geleistet, die Niederländer in den folgen­den 250 Jahren nicht viel mehr. Scharen von Missionaren der beiden christlichen Konfessionen und zahllose Beamte beider Länder haben während dieser dreieinhalb Jahrhunderte in den Molukken gelebt, aber nur sehr wenige haben wissenschaft­liche Spuren zurückgelassen.

Für das Versagen der Portugiesen während des 16. Jahrhunderts ist dies um so bemerkenswerter, als wir von ihnen für etwa denselben Zeitraum eine stattliche Reihe von Arbeiten ganz vortrefflicher Art über ihre viel unbedeutendere Kolonie in Bra­silien besitzen. Die völkerkundlichen und linguisti­schen Arbeiten von Jose de An ch i e t a , P e r o V a z de Caminha, F e r n ä 0 Carditn, M a - galhäes de Gandavo, Manuel da N o - brega, Vicentedo Salvador, Pero Lo­pes de Souza, Gabriel Soares de Souza und des Verfassers derDialogos das Grandezas do Brazil" sind Perlen in ihrer Art. Nimmt man dazu noch für dieselbe Zeit und dieselbe Gegend die Schriften des Deutschen Hans Stade und der Franzosen Jean de L e r y , A ndre T h e v e t und Yves d'Evreux, so fällt um so schärfer in die Augen, wie vollständig die Lücke für die Molukken ist.

Nun weiß man ja zur Genüge, daß die Handels­politik jener Zeiten ihre Rechnung darin zu fin­den glaubte und jahrhundertelang auch tatsächlich fand, daß man diese reichen Gegenden mit einem Schleier des Geheimnisses umhüllte und keine Nach­richten hinausließ, die andere Nationen hätten reizen können oder ihnen die Schwäche der eigenen Herr­schaft über Gebiete verrieten, die so ungeheure Divi­denden abwarfen. Aber ganz allein scheint diese Politik der Geheimhaltung das durchgehende Fehlen völkerkundlicher und sprachlicher Angaben nicht erklären zu können. Denn die Portugiesen haben doch ihre Geschichtsschreiber, von denen man weiß, daß sie mindestens zum Teil unter Zensur arbeite­ten : J o ä o de B a r r o s , F e r n ä o Lopez de Castanheda, Gaspar Correa, Diogo de C o u t o , Manuel F a r i a y Sousa, Antonio G a 1 v ä o, von den Chronisten de Goes und O s o -

zu behandelnden Problems.

r i u s nicht zu reden. Man sieht in der Tat nicht ein, was eingeflochtene ethnographische Angaben von der harmlosen Art, wie sie z. B. H e r r c r a in seiner Historia General" bringt, hätten schaden können. So wie es ist, finden wir in diesen Geschichtswerken in fast ununterbrochener Reihenfolge die Erzählun­gen von Entdeckungen, Eroberungen, heroischen Taten, Überfällen Friedfertiger, Verrat und schwär­zesten Gemeinheiten, aber über die Völkerkunde der Molukken findet der Suchende nur ganz weniges und unbefriedigendes.

Am schlimmsten hat man jedoch die Sprachen jener Völker vernachlässigt: es macht den Ein­druck, als wenn die Portugiesen nicht einmal vom Malaiischen etwas verstanden hätten, so verstüm­melt und manchmal völlig unkenntlich sind die hier und da im Text auftretenden Eingeborenen-Worte. So sagt der Geschichtsschreiber Barros um ein krasses Beispiel herauszugreifen bei seiner Beschreibung von Banda, daß der bekannte Gunung Api bei den Eingeborenen Gunuäpe heiße, und daß in diesem Wort GunoFeuer" bedeute und Ape der Eigenname der Insel sei. 12 )

Nicht viel besser stehen, wie gesagt, die Lei­stungen der Niederländer in dieser Hinsicht da. Wir haben die ganz vortrefflichen Arbeiten von V a 1 e ,n t i j n und R u m p h i u s , einige frühe Reisebeschreibungen, einige Berichte und Briefe von Beamten sowie einige unbedeutende Wörterlisten, Sprachstudien und teilweise Bibelübersetzungen, die, soweit mir bekannt, in der Hauptsache nur die malaiische Sprache betreffen, und deren Gesamt­zahl, wie ich glaube, für die ersten 200 Jahre niederländischer Herrschaft einige Dutzend kaum übersteigt. Für die Zeit von 1800 bis 1850 ist das Verhältnis dann besser. V a 1 e n t i j n , der als einzigste Säule unter den niederländischen Missio­naren des Ostens dasteht, und der sich auch ebenso wie R u m p h i 11 s in seinem Kruid-Boek die Mühe genommen hat, einige nicht-malaiische Wörterlisten indonesischer Dialekte aufzuzeichnen, hat uns über seine und einiger Amtsbrüder ma­laiische Sprachbemühungen berichtet. 13 ) Im übri-

>*) Barros, Dec. III, parte I, p. 587, .,, Ulm chamada Gunuäpe; e por esta razao lhe deram o nome que tem, porque Guno quer dizer aquelle fogo, e Ape he o proprio nome da Ilha"; siehe auch Valentijn's Urteil, II, I, p. 2 ff.

13 ) Valentijn, II, I, p. 36 ff., 41 ff. und passim; seine Wörterliste steht im Teil I, Molukschc Zaaken. Auch in