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Deutsche Siedlung über See : ein Abriss ihrer Geschichte und ihr Gedeihen im Rio Grande do Sul / von Alfred Funke
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Wir werden zunächst erwägen müssen, ob die Möglichkeit zur Unterbringung einer starken Emigration überhaupt vorhanden ist, denn erfahrungsgemäss können politische und lokale Verhält­nisse einer solchen sehr ernstliche Schwierigkeiten bereiten. Um nun ein- für allemal mit dem von Anhängern des Reskripts von der Heydt geflissentlich in Deutschland verbreiteten Gerücht auf­zuräumen, dass der deutsche Einwanderer in Brasilien den Ausfall an Sklaven ersetzen solle, so konstatieren wir, dass davon für Kolonisten in Südbrasilien überhaupt nicht die Rede sein kann. Ausdrücklich warnen wir davor, in andere Staaten als nach Parana, Santa Catharina und Rio grande do Sul auszuwandern. Die übrigen Staaten Brasiliens sagen dem Deutschen hinsichtlich des Klimas und der Umgebung weniger oder durchaus nicht zu. Wenn neuer­dings ein Agent für Matto Grosso Stimmung zu machen suchte, so ist es ein bewusstes Verbrechen, in ein Land, das den Brasilianern selbst kaum bekannt ist und noch völlig von Indianern beherrscht wird, deutsche Siedler locken zu wollen.

Südbrasilien aber bietet dem fleissigen Kolonisten alle Aus­sichten, vorwärts zu kommen. Von den drei südbrasilianischen Staaten gebe ich aber unbedingt Rio grande do Sul den Vorzug, worin mir jeder Kenner der Verhältnisse zustimmen wird.

Es würde sich zunächst fragen, welche Stellung die Regie­rung des Staates Rio grande do Sul einer verstärkten deutschen Einwanderung gegenüber einnehmen würde.

Der brasilianische Politiker leidet an dem masslosen Wahn, selbst das fähigste und tüchtigste Element seines Landes zu sein, verkennt aber nicht den grossartigen Erfolg, den deutsche Arbeit und Intelligenz in seinem Lande gezeitigt haben. Diese notwen­dige Würdigung der zielbewussten Arbeit der Kolonisten im Ver­gleich zur Indolenz und Unfähigkeit der eigenen Rasse, die in ihren unteren Elementen zum grössten Teil aus farbigen Analpha­beten besteht, schlägt oft bei den Anhängern der augenblicklich herrschenden Partei, den sogenannten Jakobinern, in heimlichen Eremdenhass um. Ein Dorn im Auge ist den Jakobinern beson­ders das zähe Festhalten der deutschen Ansiedler an ihrer Sprache und Sitte, und die republikanische Regierung geht dagegen zwar nicht mit direkten, aber unauffälligen indirekten Mitteln vor. Ihr muss vom nationalen Standpunkt aus daran liegen, die eingewanderten Fremden zu guten brasilianischen Staatsbürgern zu machen, sie an die Sprache und die Anschauungen der neuen Heimat zu ge­wöhnen, und sie erblickt daher in dem Festhalten der Deutschen an der eigenen Sprache und Sitte eine gewisse Gefahr für das Ansehen des Brasilianertums. Die Kaiserliche Regierung siedelte ehemals die deutschen Einwanderer in geschlossenen Massen an,