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Deutsche Siedlung über See : ein Abriss ihrer Geschichte und ihr Gedeihen im Rio Grande do Sul / von Alfred Funke
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D er deutsche Reisende, welcher heute über die Praga Dom Pedro zu Lissabon oder den Passeio das Virtudes zu Oporto schreitet, stutzt oft unwillkürlich, wenn er aus der Menge brü­netter Bewohner des Strandes am Tejo und Douro Typen hervor­stechen sieht, die mit ihren blonden Haaren und blauen Augen ihn an seine nordische Heimat- in so hohem Grade erinnern, dass er in Versuchung kommt, sie ais Landsleute zu begrüssen. Seine Prägen aber werden in der Sprache Lusitaniens beantwortet, und nichts lebt in diesen blonden Portugiesen von Erinnerung an eine Verwandtschaft mit dem deutschen Fremdling. Der Geschichts­kundige aber wird durch eine solche Begegnung wieder an die Thatsache erinnert, dass unter sehr vielen Völkern Europas ger­manische Stämme bis auf den heutigen Tag Spuren ihrer An­wesenheit hinterlasssen haben. In Portugal, dem ehemaligen Lusi- tanien, in Spanien, in Nordafrika, in Italien sind einst die letzten Wogen der brandenden Völlserwanderung verlaufen, welche die Germanen wie eine Sturmflut über die Provinzen des alten römischen Reiches verbreitete. Die äussersten Posten deutscher Wanderer sind zwar sehr bald aus Mangel an Nachschub von den fremden Stämmen aufgesogen, und nur einige schwachen Merkmale am Ty­pus der heutigen romanischen Völker deuten auf die einst starke Mischung mit dem Blute der Goten, Alanen und Vandalen hin. Aber diese Thatsache erinnert an den im Charakter der Germanen stark ausgeprägten Trieb zum Wandern, welcher von jeher deutsche Siedler in alle Weltgegenden gebracht hat, in welchen die von der Natur gegebenen Bedingungen die Existenz germanischer Kolo­nisten ermöglichten. Die Völkerwanderung ist natürlich nur im weitesten Sinne des Wortes als Auswanderung Deutscher in Be­tracht zu ziehen, wenn auch das Grundmotiv derselben das gleiche war, welches .allen folgenden Perioden deutscher Emigration zu Grunde lag: der Wunsch nach Verbesserung der eigenen Lebens­und Erwerbsverhältnisse im Auslande. Besonders das 13. Jahr­hundert war eine hervorragend kolonisatorische Periode für die Deutschen, denn die blutigen Kämpfe, welche Heinrich I., Otto I., Friedrich Barbarossa, Heinrich der Löwe, Albrecht der Bär, die Wettiner und der deutsche Orden mit den Slaven jenseits der Funke, Deutsche Siedlung. 1