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Deutsche Siedlung über See : ein Abriss ihrer Geschichte und ihr Gedeihen im Rio Grande do Sul / von Alfred Funke
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deutsche Auswanderung dorthin zu lenken, und die brennende Frage tritt wieder an uns heran: Wohin senden wir unsere Emi­granten? Nordamerika kommt für uns aus den oben angeführten Gründen nicht in Betracht. Es ist aber eine anerkannte Thatsache, dass der Auswanderer unter Landsleuten Adel leichter fortkommt als unter Fremden, und sich viel sicherer in seiner neuen Um­gebung fühlt, Avenn er jenseits des Ozeans die heimische Sprache und Sitte wiederfindet. Diese beiden günstigen Vorbedingungen findet er aber in keinem überseeischen Lande in so hohem Masse AAde in Südbrasilien, speziell in dem Staate Rio Grande do Sul. Wir tragen kein Bedenken, dieses Land, das so lange von unseren massgebenden Kreisen unbeachtet gelassen Avurde, als das Gebiet hinzustellen, Avelches das Zukunftsland unserer Auswanderer Averden muss.

Wir werden zur Begründung dieser Behauptung nicht umhin können, den Leser mit den Verhältnissen von Land und Leuten vertraut zu machen, soweit sie für den Ansiedler in Betracht kommen.

Brasilien war zu den Zeiten des Reskripts von der Heydt vom Jahre 1859 für den deutschen Auswanderer ein verbotenes Paradies, soweit die heimische Regierung mitzureden hatte. Ob­schon die deutsche Kolonisation seit ihrem Beginne unter Dom Pedro I. grosse Fortschritte gemacht hatte und Tausende fleissiger Bauern in den Südstaaten des damaligen Kaiserreichs ihren Mais bauten, genügten doch einige traurigen Vorkommnisse im Staate S. Paulo, in dessen Kaffeeplantagen einige Deutsche Arbeit ge­nommen und bei der Unkenntnis der Zustände durch die Parceria, das elende Halbpachtsystem, in ein unwürdiges Abhängigkeitsver­hältnis geraten Avaren, um das Reskript von der Heydt in Aktion treten zu lassen und damit Tausende von Südbrasilien fernzu­halten und sie Nordamerika zur Anglisierung zuzuAveisen.

S. Leopoldo, Tres Forquilhas und Torres sind die ältesten Bemühungen der Regierung Dom Pedro I., deutsche Kolonisten als Pioniere des Urwalds in die damalige Provinz Rio grande zu schicken. Die Regierung des Kaiserreiches wurde dabei von ver­schiedenen Beweggründen geleitet. Einmal Avar es die Spärlichkeit der Bevölkerung in den Aveiten Strecken des Riesenlandes, A 7 on dem nur die Küste schwach von Weissen beAVohnt Avar, während im Innern noch die Eingeborenen, die Indianerstämme vom Ama­zonas bis zum Jacuhy, die Herren waren. Durch die Einfuhr von Negersklaven, ihre rasche Vermehrung auf dem Boden Brasiliens, das in klimatischer Beziehung ihrer afrikanischen Heimat entsprach, ihre Vermischung mit Weissen und Indianern, herrschte das farbige Element im Lande numerisch derartig vor, dass es für die Zu-