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Deutsche Siedlung über See : ein Abriss ihrer Geschichte und ihr Gedeihen im Rio Grande do Sul / von Alfred Funke
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doch die Erziehung in Elternhaus und Schule grundlegend für die Erhaltung des Deutschtums gewesen. Besonders der deutsche Unterricht, und sei er noch so primitiv, also die Anleitung, in deutscher Sprache zu denken, und die Angewöhnung, diese Fähigkeit beizubehalten und auszuüben, ist von der grössten Wich­tigkeit für den Nachwuchs unserer Auswanderer. Wer daher den Willen hat, für die Erhaltung unserer Auswanderer .und ihrer Kinder bei ihrem Deutschtum inmitten einer fremden Nation etwas zu thun, kann das nicht besser bethätigen, als durch ideale und pekuniäre Unterstützung der deutschen Schulen Südbrasiliens. Leider bleibt es oft bei der Anerkennung dieser Wahrheit ver­mittels schöner Worte. In den heissen Augusttagen, wenn der Hundsstern leuchtet, heckt in Deutschland der Schriftleiter auf seinem Dreifuss, ergreift verzweifelt die Feder und erzählt von der sauren Gurke und Seeschlange, der hundertjährigen Frau, die noch ohne Brille liest, und die Menge der Leser legt die Zeitung bei Seite und schaut verständnisvoll nach dem Thermometer. In Brasilien hat der Zeitungsmann statt der Seeschlange die Schule, die alte liebe Pikadenschule. Geht ihm einmal der Stoff aus, so wird das gute alte Tier hervorgeholt, neu aufgezäumt, ihm Mähne und Schweif neu zugestutzt, und in stolzem Trabe paradiert die alte Mähre vor dem Publikum, das mit seinem Lobe nicht zurück­hält. Besonders bei den alljährlichen Schulprüfungen, bei denen jeder Zögling meistens sein Exempel schon vorher weiss, triefen alle Blätter von Lob, Heil- und Segenswünschen, und die kühn­sten Weissagungen für die Zukunft werden vom Stapel gelassen, voller Ruhm und Ehre. Dabei besteht eine echte und rechte Pikadenschule aus einemLehrer, zwei Dutzend Zöglingen, einem halben Schock knickernder und nörgelnder Schulinteressenten und einem möglichst primitiven Schulhaus. Damit ist die echte deutsche Pikadenschule fertig, über welche schon so manches Spottliedlein ge­pfiffen, und so manche Tirade fruchtlos in den Wind gesprochen worden ist.

Die heutige brasilianische Regierung hat den Punkt ganz richtig erkannt, an dem sie einsetzen muss, falls sie die Nach­kommen der deutschen Einwanderer zu guten Brasilianern machen will, und darum war die Bemühung, den Gebrauch der deutschen Sprache in der Schule nach Kräften zu verhindern, eine folge­richtige Erscheinung der Regierungspolitik. Der Deutsche mit seiner grossen Anlage, fremde Sprachen zu erlernen, würde auch in Südbrasilien unfehlbar die heimische Sprache und mit ihr seine heimische Sitte weit eher aufgegeben haben, wenn ihm in allen Pikaden gute brasilianische Schulen zur Verfügung gestanden hätten. Die Saumseligkeit der Regierung, der Mangel an guten