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ist Rio Grande ein Land, in welchem das deutsche Kapital eine sichere, fruchtbringende Anlage findet. Franzosen und Engländer haben geflissentlich Brasilien als eine Scylla hingestellt, in deren Strudel das Kapital rettungslos verschwindet. Dabei haben englische und französische Konsortien bisher alle Eisenbahnen im Lande gebaut und einen ganz vorzüglichen Gewinn dabei gehabt. Leider aber hat das deutsche Kapital bisher so manche gute Gelegenheit ungenutzt vorüber gehen lassen. Als vor wenigen Jahren die Bahn Porto Alegre—Uruguayana neuverpachtet wurde, waren es belgische Kapitalisten, welche schleunigst die wegen ihrer Erträge wichtige Strecke pachteten. Diese Bahnlinie führt den grössten Teil aller Kolonieprodukte nach Porto. Alegre, ist die einzige Verbindung nach dem Westen des Staates, wird noch längst nicht genügend ausgenutzt, kann durch verschiedene Zweigbahnen, besonders nach Santa Cruz, bedeutend im Betriebe erhöht werden — aber alle Mahnungen an deutsche Finanzkreise verhallten ungehört. Lavras im Süden des Staates, seit langen Jahren seiner reichen Erzlager wegen bekannt, ist trotz aller Expertisten deutscher Ingenieure, welche besonders auf die immensen Kupferlager aufmerksam machten, ebenfalls einer belgischen Gruppe in die Hände gefallen. Die weiten Campos des Südens, einst zum grossen Teile mit wogenden Weizenfeldern bedeckt, harren heute noch des Dampfpflugs und der Säemaschine, um die argentinische und nordamerikanische Einfuhr an Weizenmehl lahm zu legen, aber erst ganz allmählich besinnt man sich darauf, dass Rio Grande einst die Kornkammer Brasiliens gewesen ist, wie der Rhein- gantzsche Versuch beweist. Die Preise des in der Qualität allergeringsten Weizenmehles, das in grossen Mengen eingeführt wird, sind so hoch, dass sich der Kolonist, der selbst seinen Hausbedarf an Weizen nicht baut, stets besinnt, ehe er sich Weizenbrot gönnt. Aus demselben Grunde sind in allen brasilianischen Städten die Brotverhältnisse teuer und schlecht. Natürlich gehört zum Erwerb und zur rationellen Bewirtschaftung der weiten Campos, auf denen heute nur eine ganz primitive Viehzucht für die Xarqueadas getrieben wird, ein entsprechendes Kapital. Die in Argentinien wirtschaftenden Engländer schaffen sich natürlich keinen ■ Konkurrenten in Brasilien, aber eine deutsche Vereinigung von Kapitalisten würde ganz sicher in Brasilien ein günstiges Produktionsund Absatzland finden. Natürlich gehören deutsche Angestellte dazu, nicht die indolenten und unzuverlässigen Lusobrasilianer, mit deren Leistungen alle Unternehmungen im Lande die trübsten Erfahrungen gemacht haben.
Sehr zu bedauern ist es, dass in neuester Zeit gerade deutsches Kapital die Verbindung mit Rio Grande do Sul erschwert.