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Deutsche Siedlung über See : ein Abriss ihrer Geschichte und ihr Gedeihen im Rio Grande do Sul / von Alfred Funke
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ist Rio Grande ein Land, in welchem das deutsche Kapital eine sichere, fruchtbringende Anlage findet. Franzosen und Engländer haben geflissentlich Brasilien als eine Scylla hingestellt, in deren Strudel das Kapital rettungslos verschwindet. Dabei haben eng­lische und französische Konsortien bisher alle Eisenbahnen im Lande gebaut und einen ganz vorzüglichen Gewinn dabei gehabt. Leider aber hat das deutsche Kapital bisher so manche gute Gelegen­heit ungenutzt vorüber gehen lassen. Als vor wenigen Jahren die Bahn Porto AlegreUruguayana neuverpachtet wurde, waren es belgische Kapitalisten, welche schleunigst die wegen ihrer Er­träge wichtige Strecke pachteten. Diese Bahnlinie führt den grössten Teil aller Kolonieprodukte nach Porto. Alegre, ist die einzige Verbindung nach dem Westen des Staates, wird noch längst nicht genügend ausgenutzt, kann durch verschiedene Zweig­bahnen, besonders nach Santa Cruz, bedeutend im Betriebe erhöht werden aber alle Mahnungen an deutsche Finanzkreise ver­hallten ungehört. Lavras im Süden des Staates, seit langen Jahren seiner reichen Erzlager wegen bekannt, ist trotz aller Expertisten deutscher Ingenieure, welche besonders auf die immensen Kupfer­lager aufmerksam machten, ebenfalls einer belgischen Gruppe in die Hände gefallen. Die weiten Campos des Südens, einst zum grossen Teile mit wogenden Weizenfeldern bedeckt, harren heute noch des Dampfpflugs und der Säemaschine, um die argentinische und nordamerikanische Einfuhr an Weizenmehl lahm zu legen, aber erst ganz allmählich besinnt man sich darauf, dass Rio Grande einst die Kornkammer Brasiliens gewesen ist, wie der Rhein- gantzsche Versuch beweist. Die Preise des in der Qualität aller­geringsten Weizenmehles, das in grossen Mengen eingeführt wird, sind so hoch, dass sich der Kolonist, der selbst seinen Haus­bedarf an Weizen nicht baut, stets besinnt, ehe er sich Weizenbrot gönnt. Aus demselben Grunde sind in allen brasilianischen Städten die Brotverhältnisse teuer und schlecht. Natürlich gehört zum Er­werb und zur rationellen Bewirtschaftung der weiten Campos, auf denen heute nur eine ganz primitive Viehzucht für die Xarqueadas getrieben wird, ein entsprechendes Kapital. Die in Argentinien wirtschaftenden Engländer schaffen sich natürlich keinen Kon­kurrenten in Brasilien, aber eine deutsche Vereinigung von Kapi­talisten würde ganz sicher in Brasilien ein günstiges Produktions­und Absatzland finden. Natürlich gehören deutsche Angestellte dazu, nicht die indolenten und unzuverlässigen Lusobrasilianer, mit deren Leistungen alle Unternehmungen im Lande die trübsten Erfahrungen gemacht haben.

Sehr zu bedauern ist es, dass in neuester Zeit gerade deut­sches Kapital die Verbindung mit Rio Grande do Sul erschwert.