Leider ist das deutsche Kapital der Auswanderung nach. Rio Grande nicht in genügender Weise gefolgt. Die Bahnlinien, die eine staatliche Zinsgarantie besitzen, sind in englischen oder französischen Händen. Genau wie in Argentinien haben die Engländer es in Brasilien verstanden, den deutschen Kapitalisten vor dem „faulen Staate“ Brasilien graulen zu machen und ihre eigenen Werte gewinnbringend anzulegen. Selbst heute noch steht das deutsche Kapital zögernd da, wo es gilt, zuzugreifen. Die Porto Alegre- Uruquoyanabahn, deren reicher Ertrag ziim grossen Teil durch die Beförderung der deutschen Kolonieprodukte bedingt ist, ging vor wenigen Jahren in belgische Hände über. Die reichen Kupferlager bei Lavras sind an belgische Spekulanten vergeben, und heute noch steht das deutsche Kapital der Finanzierung der Rio- Grande-Nordwestbahn gleichgültig gegenüber, trotzdem durch sie die alten Missionen, das reichste Gebiet des Staates, wieder erschlossen werden sollen. Dass aber eine fremde Kapitalisierung der grossen Betriebe von bedenklichen Folgen für den deutschen Handel sein muss, liegt auf der Hand.
Ein grosses Hindernis der Erschliessung Rio Grandes für den deutschen Einfluss auf allen Gebieten ist aber die mangelhafte Kenntnis des Landes im deutschen Volke. Ganz unklare und verschwommene Vorstellungen von Südbrasilien herrschen in den Köpfen unserer Bevölkerung. Es giebt viele Auswanderungslustige, welche die erforderlichen Mittel und den Willen haben, sich über See eine neue Existenz zu gründen, aber aus Mangel an Kenntnis der riograndenser Verhältnisse fallen sie meistens wieder Nordamerika zu, wo sie schnell anglisiert werden und für uns verloren gehen. Daher ist es geradezu eine Pflicht unserer Regierung, durch Errichtung eines Auskunftamtes Auswanderungslustigen zuverlässige Aufklärungen zu geben über die Verhältnisse der Länder, welche für eine deutsche Emigration heute noch in Betracht kommen. Darunter aber nimmt Rio Grande do Sn] unbedingt den ersten Platz ein. Vor Argentinien hat es den Holzreichtum voraus. Wald aber muss der Kolonist haben, da er in ihm seine ersten Bedürfnisse decken kann.
Für die Beeinflussung und Zusammensetzung des Auswandererstromes will zwar die 1896 in Hannover gegründete Vereinigung für Auswanderungsfragen wirken, aber eine Reichsauskunftei, wie sie in Berlin in diesem Jahre nach dem Muster des englischen Emigrants Information Office gegründet werden soll, würde vermöge ihres amtlichen Charakters das Vertrauen der Auswanderungslustigen in weit höherem Masse besitzen als alle ähnlichen Einrichtungen privater Natur. Dass für dieses Amt der frühere verdiente Generalkonsul in Porto Alegre, Herr Koser, als Leiter in