Druckschrift 
Deutsche Kolonien : Koloniales Lesebuch zur Einführung in die Kenntnis von Deutschlands Kolonien und ihrer Bedeutung für das Mutterland / ausgew., eingel. u. m. e. Sachreg. vers. von Willy Scheel
Entstehung
Seite
74
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Vegetationsbilder aus Deutsch-Ostafrika.

Richard Kandt.

Ich habe den Weg von Bagamojo nach Tabora in den Mo­naten August und September zurückgelegt, also in der Zeit der höchsten Trockenheit. Das hatte den Vorteil, daß ich Wege, die in der Regenperiode unter Wasser stehen oder grundloser Schlamm und Schmutz sind, ohne Schwierigkeit überwinden konnte; den Nachteil, daß die Wasserverhältnisse die denkbar ungünstigsten des Jahres sind. Es hat aber auch noch den Nachteil, daß ich dem Leser dieser Briefe keine üppigen Landschaftsbilder mit südlicher Pracht und Glut der Farben vorzaubern kann, sondern dem trockenen Stoffe entsprechend meine Darstellung wählen muß. Gewiß, ich erlebte auch jene er­habenen Stunden, in denen der empfindende Mensch zu spüren glaubte, wie seine Seele unter dem Atem der Schönheit leise erschauert; ich erlebte Abendröten, die auch die ödeste Landschaft verklärten, wenn die Sonne in roten Dunst gehüllt durch jede Spalte der Wolken eine Feuergarbe entsandte, so daß die Erde, die Gräser, die Bäume, das Lager und die Menschen in leuchtendes Gold getaucht schienen, bis sie zuletzt als blutrote Scheibe in einem Meer von goldbraunem Gewölk unterging. Ich erlebte Morgenröten, wo die Luft klarer und reiner war, als an den kältesten deutschen Wintertagen, wo es in allen Farben glitzerte, wohin ich schaute, wo die Netze der Spinnen kostbaren Perlenschnüren glichen, in denen der Himmel sich spiegelte, und köstliche Mondscheinnächte mit stärkerem Zauber, als ihn je Märchendichter ersannen. Das erlebte ich wohl und konnte mich nicht satt daran sehen und vergaß für Augenblicke über dem wunder-