Druckschrift 
Deutsche Kolonien : Koloniales Lesebuch zur Einführung in die Kenntnis von Deutschlands Kolonien und ihrer Bedeutung für das Mutterland / ausgew., eingel. u. m. e. Sachreg. vers. von Willy Scheel
Entstehung
Seite
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Die ersten Versuche deutscher Kolouialpolitik.

Heinrich von Treitschke.

Die wunderliche Begriffsverwirrung, die wir unserem zerfahrenen und veralteten Parteiwesen verdanken, bekundet sich nirgends so grell wie in der allgemein verbreiteten Meinung, daß unsere Jugend heute konservativer denke als die Alten. Die einen freuen sich dar­über, die anderen klagen und suchen den Grund wohl gar in den Verführungskünsten reaktionärer Lehrer; aber die Tatsache selbst wird fast niemals bestritten. Und doch ist sie schlechthin unmöglich. Denn so lange die Welt steht, hat die Jugend stets freier gedacht als das Alter, weil sie das glückliche Vorrecht besitzt mehr in der Zukunft zu leben als in der Gegenwart, und nichts berechtigt zu der Annahme, daß die Naturgesetze heute mit einem Male ihre Geltung verloren hätten. Wenn das heranwachsende Geschlecht sich von den Schlagwörtern des alten Liberalismus gleichgiltig abwendet, so be­weist dies nur, daß eine neue Zeit mit neuen Idealen heraufsteigt. Diesen jungen Männern, denen die Sonne von Sedan die Kindheit bestrahlte, ist der Nationenstolz nicht mehr wie den Vätern eine in harter Arbeit erst erkämpfte Empfindung, sondern eine starke natur­wüchsige Leidenschaft; sie singen ihrDeutschland, Deutschland über alles" Mann für Mann mit einer fröhlichen Zuversicht, wie sie unter den Älteren nur vereinzelte starke Charaktere hegen konnten. Sie lassen den Streit um parlamentarische Rechte, der dem älteren Geschlechte oft Selbstzweck war, höchstens noch als Mittel zum Zwecke gelten. Ihr Ehrgeiz geht dahin, daß der junge Riese, der sich so­eben erst den Schlaf aus den Wimpern geschüttelt, seine starken Arme nun auch brauchen solle, um die Gesittung der Menschheit zu