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Ostäquatorial-Afrika zwischen Pangani und dem neuentdeckten Rudolf-See : Ergebnisse der Graf S. Telekischen Expedition 1887-88 / von Ludwig v. Höhnel
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Zur Ethnographie.

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Zeit unsrer Anwesenheit in Reschiat herrschte jedoch Hungersnot bei ihnen, und täglich kamen Amarr-Karawanen nach Reschiat, die Vieh brachten, um es gegen die billigere Durrha zu vertauschen. Das Volk der Amärr soll mächtiger als die Reschiat sein. Nördlich von den Amärr wohnen die Batschada; sie sollen Ackerbau treiben und auch geringe Mengen Vieh besitzen. Die Amärr, Batschada und Kerre sollen eine und dieselbe Sprache sprechen. Von dieser und auch untereinander verschieden sollen die Sprachen der Murdu und Aro sein.

Am Nordende des Stefanie - Sees, nahe der Mündung eines von Norden kommenden Flusses, wohnt in zwei Dörfern das Marie-Volk. Sie sollen Durrha, Bohnen und Tabak bauen, auch Viehzucht treiben. Die Marie pflegen nach Reschiat Vieh, Schafwollstoffe und Perlen zu bringen, um damit Elfenbein einzukaufen. Zur Zeit unsers dortigen Aufenthaltes herrschten bei den Marie die Blattern; sie wurden deshalb nicht zugelassen. Nach allem, was wir von verschiedenen Stämmen über die Marie gehört haben, müssen sie ein ganz merkwürdiges Volk sein, da sie sich bei allen grofser Beliebtheit erfreuen. "Wir bedauerten sehr, sie nicht aufsuchen zu können, da sie als handel­treibendes Volk sicherlich in der Lage gewesen wären, uns wertvollere Auskünfte über die weitern Gebiete zu geben,

als die sefshaften und dabei verschlossenen Reschiat uns verschafften.

Im Osten des Stefanie-Sees wohnt das mächtige Nomaden­volk der Borana-, ihr Gebiet soll sich weithin nach Nordosten ausbreiten. Ihre Sprache soll der der Marie sehr ähnlich sein. Die auf der Westseite der Trrkette am Stefanie-See wohnenden Borana besitzen nur Rindvieh, Schafe und Ziegen, die weiter östlich wohnenden auch grofse Mengen von Pferden und Kamelen.

Die Bewaffnung eines Borana besteht nach unsern Er­kundigungen stets in zwei Speeren mit sehr breiten Klingen, der Schild ist klein, rund und aus der Rückenhaut der Beisa-Antilope gemacht; Bogen und Pfeile haben sie nicht. An Kleidungsstücken tragen sie zwei Tücher; das kleinere dient als kurzes Lendentuch, das gröfsere wird von vorn nach hinten über die Schultern geschlagen.

Nördlich von den Marie und Borana sollen die Arbore wohnen.

So weit reichen die Erkundigungen über fernere Völker, welche wir von den Reschiat zu erhalten im stände waren. In obigen Zeilen sind nur jene Auskünfte wiedergegeben, deren Richtigkeit als gut verbürgt hinge­stellt werden kann, indem sie sich stets auf die Aussagen vieler Individuen stützen.

V. Zur Kartenkonstruktion.

In der geographischen Erforschung des Landes sah die Graf S. Telekische Expedition ihre Hauptaufgabe ; die in dieser Richtung gewonnenen Resultate sind in den beigefügten Karten niedergelegt. Dieselben sind fast allein auf Grund eigner Beobachtungen gezeichnet, nur der Vollständigkeit halber wurde auch das Usambaragebiet nach Dr. 0. Bau­manns Karte eingetragen.

Zum Zwecke von Aufnahmen war die Expedition mit folgenden Instrumenten ausgerüstet:

1) einem grofsen 12 zölligen Reflexionskreise von Pistor und Martins;

2) einem kleinen Refiexionskreise von Pistor & Martins;

3) einem Sextanten von Negretti & Zambra;

4) einem, künstlichen Horizont von äufserst bequemer Einrichtung von L. Casella;

5) einem Bussolen-Instrument von Starke & Kammerer;

6) Taschenkompassen von L. Casella;

7) einem astronomischen Fernrohre;

8) zwei sogen. Deckchronometern von Gebr. Klumak. v. Höhnel, Ostäquatorial-Afrika.

Die Reflexions - Instrumente waren vor Abgang dem K. u. K. Hydrographischen Amte in Pola zur Untersuchung übergeben worden.

Die beiden Uhren waren vom Vorsteher der Chrono­meter-Abteilung desselben Amtes, Herrn K. u. K. Linien- schiffsleutnant Kneusel-Herdliczka einer langwierigen und eingehenden Untersuchung unterworfen worden, um deren Gangänderungen bei den verschiedensten Temperaturen und Lagen kennen zu lernen. Die Erfahrungen, welche man mit Chronometern bisher auf Reisen in Afrika ge­macht hat, lehren, dafs sie als absolute Zeitträger wenig verläfslich sind. Von den beiden auf Schiffen in Gebraucli stehenden Uhrgattungen haben sich die grofsen sogen. Box- chronometer noch schlechter bewährt als die taschenuhr- förmigen sogen. Deck- oder Halbchronometer. Um daher nicht auf diese beiden Uhren allein angewiesen zu sein, wurde ein astronomisches Fernrohr, ein sogen. Kometen­sucher, mitgeführt, mit welchem vorkommenden Falls Ver­finsterungen der Jupitermonde beobachtet werden sollten.

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