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Ostäquatorial-Afrika zwischen Pangani und dem neuentdeckten Rudolf-See : Ergebnisse der Graf S. Telekischen Expedition 1887-88 / von Ludwig v. Höhnel
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26 v. Höhnel, Ostac

Stiehlt ein Kikuyu einen Ochsen oder ein Schaf, so hat er den zehnfachen Betrag als Strafe zu erlegen; stehlen mehrere in Gemeinschaft einen Ochsen, so hat merk­würdigerweise jeder nur einen Ochsen als Sühne zu er­legen. Wird ein Kikuyu hei einem Diebstahle vom Eigentümer betroffen und bei der Verfolgung getötet, so erwachsen dem Totschläger daraus weiter keine unangenehmen Folgen.

Die Wakikuyu halten Sklaven; gewöhnlich sind es Wa- kamba- und nur selten Masaimädchen. Die Wakikuyu sind sehr erwerbs- und handelssüchtig und treiben an den Grenzen einen lebhaften Lebensmittelhandel mit den Masai und den Karawanen.

Von einem Gott oder andern übersinnlichen Vorstellungen haben die Wakikuyu kaum einen Begriff; meist wohnte ihr Gott" auf dem Kilimara (d. i. Kenia), doch war ihnen alles Neue, Wunderbare und Unerklärliche überhauptGott". Man sieht häufig Amulette, die aus einem kleinen Bündel von Hörnern, Stäbchen u. dgl. bestehen, doch sonst keine Fetische oder geheiligte Örtlichkeiten.

Die Wakikuyu heiraten oder kaufen vielmehr mehrere Weiber, je nach Mafsgabe ihres Vermögens; Reiche haben deren 7 bis 8. Der Durchschnittspreis einer Frau beträgt 5 Ochsen, 9 Ziegen oder Schafe und einen grofsen Topf voll Honig. Hat der Heiratslustige den Kaufpreis auf ein­mal oder nach und nach dem Vater seiner Auserwählten bezahlt, dann kann er sie heimführen, was ohne viele Zere­monien geschieht. Nur ein Ochsenschmaus wird abgehalten.

Stirbt ein älterer Kikuyu oder eine seiner Frauen, so wird ein Trauermahl gehalten und hierzu ein Ochse ge­schlachtet ; besafs der Verstorbene mehrere Frauen in meh­reren Hütten, dann schlachtet aufserdem noch jede Frau für sich ein Schaf. Beim Trauermahl für einen ver­storbenen Jüngling oder Mädchen wird nur ein Schaf ver­zehrt. Der Tote wird irgendwo auf seinem Grundstücke begraben; nur solche, welche keine Anverwandte haben, läfst man ohne weitere Umstände einfach liegen, ohne sie zu begraben.

Die Beschneidung der Männer (nach Masai-Art) ist all­gemein; ob eine solche auch bei den Mädchen ausgeführt wird, war nicht in Erfahrung zu bringen. Ziegen und Schafe töten die Wakikuyu durch Erwürgen, so dafs kein Blutstropfen verloren gehen kann; Ochsen töten sie ebenso wie die Masai: Maul und Nasenlöcher werden zusammen­geschnürt, und wenn das Tier halb erstickt ist, wird es durch einen Messer- oder Speerstich ins Genick getötet.

Lasten werden am Kücken mittels eines um die Stirne gelegten Riemens getragen.

An Tauschwaren nehmen die Wakikuyu alles; im Süden waren die roten sogen. Masaiperlen (Samesame) am begehr­testen, im Norden die weifsen, besonders wenn sie nicht

atorial-Afrika.

zu klein waren. Dafs die Gulabijo- (rosafarben) Perlen die eigentlich von den Wakikuyu verlangte Gattung wäre, haben wir nicht gefunden; blaue Perlen (madschi bahari) gingen schlecht, doch waren alle andern Arten gröfserer und besserer Perlen sehr begehrt; ebenso verlangten sie Kauri- muscheln, und zwar sind zehn solcher einem Perlenstrang gleichwertig. Geschätzt sind ferner dicker Messingdraht (Kitschango), und Eisendraht (Segenge), weniger begehrt da­gegen dünne Eisen-, Messing- oder Kupferdrähte. Von Stoffen ziehen sie weifses Baumwollzeug allen andern vor.

B. Stämme der nilotischen Sprachgruppe.

Der interessanteste und gleichzeitig mächtigste Volksstamm unsers Forschungsgebietes sind die Masai; sie bilden den am weitesten nach Süden reichenden Teil der nilotischen Völker. Die weiter nördlich wohnenden Kamassia, Suk, Turkana, Karamoyo und Lango stellen den Zusammenhang mit den Schilluk und Bari her.

Die Masai sind ein ausgesprochenes Nomadenvolk. Das Gebiet, welches sie durchstreifen, reicht im Süden bis zum 6.° Südbreite. Die Ostgrenze folgt dem Oberlaufe des Panganiflusses, dann dem Lederiek-(Kiboiioto)flusse und geht um den Nordfufs des Kilimandscharo herum bis Kimangelia; von da hat man eine Linie bis Ngongo Bagäss und der Westgrenze des Kikuyulandes entlang bis zum Westfufse des Kenia zu ziehen. Die Nordgrenze deutet ungefähr eine von der Mündung des Guasso narok in den Guasso Njiro nach Südwesten gezogene Linie an, die Westgrenze ist nicht genau bekannt, doch dürfte sie im allgemeinen der Meridian 35° 40' 0. v. Greenw. bezeichnen. Dieses Gebiet weist die gröfste Mannigfaltigkeit in bezug auf physische Verhältnisse auf, es umfafst ebenso trockne, wasserlose Steppen, wie immergrüne, neblige Hochländer. Ihr Land teilen sie in Gebiete und diese wieder in Bezirke. Das südlichste Gebiet heifst Kibaia. Die Umgebung des Meru und des Kilimandscharo bildet das Gebiet Sigirari; Unter­abteilungen desselben sind Njiri und Leitokitok. Daran schliefst sich weiter im Norden der Distrikt Matumbato, weiterhin Kapotei, westlich davon liegt Doglän. Die Land­schaft nördlich vom Naiwascha-See heifst Kinangöp und das westlich vom Kenia gelegene Hochland Leikipia.

Ein Herum- und Durcheinanderwandern der Masai kommt nicht vor; sie bleiben stets in den Grenzen ihrer Bezirke, und ein Wandern findet nur insoweit statt, als es die Grasverhältnisse erfordern.

Die Masai halten fest an ihren angestammten Sitten und Gebräuchen und haben sich sehr ursprünglich zu er­halten gewufst; sie gehen Vermischungen mit andern Stämmen nicht ein, sehen vielmehr auf dieselben mit Ver­achtung herab. Die Masaisprache, wie sie im Norden ge-