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Ostäquatorial-Afrika zwischen Pangani und dem neuentdeckten Rudolf-See : Ergebnisse der Graf S. Telekischen Expedition 1887-88 / von Ludwig v. Höhnel
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v. Höhnel, Ostäquatorial-Afrika.

solclie wehten östlich vom Baringo-See hauptsächlich während der ersten Nachtstunden mit beinahe orkanartiger Stärke.

In der weiter nördlich gelegenen Gegend zwischen der Loroghiketto und dem Südende des Kudolf-Sees wehten ausschliefslich reine Ostwinde mit der Stärke 1 bis 3.

Die Temperatur-Maxima beobachteten wir am östlichen Rudolf - See - Strande; sie betrugen bis zu +39,4° C. Die relativ tiefe Lage dieses Sees beedingt ganz eigen­artige klimatische Verhältnisse. Unser Aufenthalt daselbst fällt in die Monate März und April. Während dieser Zeit blies es Tag und Nacht aus Südost mit der Stärke 4 bis 6, manchmal sogar 7 bis 9; die Luft streicht vom ausgedörrten Lande zum See und ist daher heifs und trocken. Im südlichsten Teile des Sees brachte die grofse Eegenzeit im Jahre 1888 (welches Jahr übrigens, ebenso wie das vorhergegangene, ein aufsergewöhnliches trocknes gewesen zu sein scheint) blofs drei schwere Regengüsse. Im nördlichsten Teile fielen die Regen reichlicher; sie begannen am 4. April und endigten am 10. Mai, doch waren nur 8 bis 9 ausgiebige Regengüsse darunter. Im Südwesten des Rudolf - Sees dürfte die Regenzeit im Jahre 1888 ganz ausgeblieben sein, da sie bis Ende Juli noch nicht eingetreten war.

Von den in Rede stehenden Landstrichen läfst sich im allgemeinen sagen, dafs sie, mit Ausnahme der hochgelegenen gebirgigen Teile, sehr trocken sind, und in manchen Gegenden des Rudolf-See-Gebietes sind die Niederschläge sicherlich nur äufserst spärlich.

Der Himmel ist früh morgens gewöhnlich heiter, bedeckt sich vormittags mit weifslich - grauen, schweren Cumuli, die des Abends wieder zu verschwinden pflegen. Tropische Gewitter mit schweren elektrischen Entladungen sind zum wenigsten sehr selten. Taufall wurde, ausgenommen in den hochgebirgigen Teilen und ganz nahe der Küste, nie be­obachtet. Reifbildung ist auf den hochgelegenen Plateaus eine häufige Erscheinung, Hagel hatten wir indessen nur einmal Gelegenheit zu beobachten. Zodiakallichte wurden nur zweimal nach Sonnenuntergang, jedoch in vollendeter Schönheit gesehen. Das Klima des Gebietes ist, einige nahe Küsten abgerechnet, ein äufserst gesundes und Fieber nörd­lich vom Kilimandscharo beinahe unbekannt. Ein Aufent­halt selbst in den heifsesten Teilen wirkt der grofsen Trockenheit der Luft und der kühlen Nächte wegen durch­aus nicht so erschlaffend, wie ein solcher in der feucht­warmen Küsten zone.

IV. Zur Ethnographie.

Das Forschungsgebiet unsrer Expedition ist wenig bevölkert. Von der in Rede stehenden, ungefähr 10000 geo­graphische Quadratmeilen umfassenden Fläche ist ein volles Drittel gänzlich unbewohnt, ein zweites ist nur spärlich be­wohnt, und nur ein Drittel weist eine sefshafte, für afri­kanische Verhältnisse dichte Bevölkerung auf. Das Gebiet ist im allgemeinen hervorragend trocken, Regen fallen be­sonders im nördlichen Teile nur spärlich, und die Zahl der Flüsse ist eine geringe. Der Boden weiter Flächen besteht aus jungvulkanischem Gestein, und der Verwitterungsprozefs geht da nur sehr langsam vor sich; es ist aus manchen Anzeichen zu entnehmen, dafs Teile dieses Gebietes dem Stadium entgegengehen, in welchem sich die Sahai'a bereits befindet. Wenn auch einzelne Striche, welchen man das Attribut vollkommen unfruchtbar nicht beilegen kann, als neutraler Grund zwischen einander feindlichen Nachbarn unbewohnt sind, so ist doch sicher, dafs kein Fleck Erde, der nur als ziemlich ertragsfähig bezeichnet werden kann, unbenutzt geblieben ist.

Wir finden in diesem Gebiete sefshafte Völker ebenso­wohl wie reine Nomadenstämme; letztere sind indes die vor­

herrschenden. Unter solchen Umständen kann es nicht wunder­nehmen, wenn häufige Grenzverschiebungen zwischen ein­zelnen Stämmen vor kürzerer oder längerer Zeit stattgefunden haben; ja ich möchte behaupten, dafs keins der Völker vor 200 Jahren auf der Scholle gehaust hat, auf welcher wir es heute finden.

Drei verschiedene afrikanische Rassen stofsen in dem Gebiete aneinander: im südlichen Teile ragen der nilotischen Sprachgruppe angehörige Völker wie ein Keil mitten zwischen die Bantustämme hinein, im Osten und Nordosten wohnen hamitische Völker.

1. Zur Bantufamilie gehören:

die Waschensi, Wadigo , AVaduruma, Wanjika, Wa- schambä, Waruvu, Wapare, Wateita, Wagwenno, Wataweta, Wakahe, Wadschagga, Wauieru, Wakamba und Wakikuyu. Von diesen wollen wir nur die um den Kilimandscharo herum wohnenden Stämme und die Wakamba und Wakikuyu ein­gehender besprechen; die näher zur Küste wohnenden Ein- gebornen haben von den dort ansässigen Missionaren und vielen Reisenden ein weit genaueres Studium erfahren, als wir ihnen während einer flüchtigen Forschungsreise widmen konnten.