22
v. Höliuel, Ostäquatorial-Afrika.
A. Bantustämme.
Die Wadschagga bewohnen den südöstlichen, südlichen und südwestlichen Hang des Kilimandscharo in einer Meeres- höhe von 1000 bis 2000 m. Ihr Gebiet urnfafst eine etwa 800 qkin grofse Fläche; die Zahl der Bevölkerung beträgt ungefähr 30- bis 40000 Seelen, also 40 bis 50 auf den qkm.
Die ursprünglichen Wohnsitze der Wadschagga waren anderswo gelegen; wann und woher dieselben eingewandert sind, ist indes unbekannt.
Die Bevölkerung ist in 28 Staaten geteilt, welche von despotisch regierenden Negerhäuptlingen beherrscht werden. Die Namen der einzelnen Staaten und deren im Jahre 1887 lebenden Herrscher sind von Ost nach West der Keihe mich folgende:
Staat
Häuptlinge
Staat
Häuptlinge
1. Kimangelia
Llamaj
15- Gondeni
p
2. Useri
Malamia
16. Mamba
Malamia
3. Olele
Mlati
17. Saraanga
Muono
4. Matschari
Kissenga
18. Maranu
Miriali
5. Mbuschi
?
19. Kleina
Fumba
6. Kirtia
Manoro 1 )
20. Kirua
Kitungati
7. Koni
?
21. Motschi
Mandant
8. Mrao
p
22. Tela
9. Kero
Lakturu
23. Bokorao
Mlati
10- Uschir
Saleko
24. Um
Sarika
11. Mku
Kinapo
25. Kiboscho
Sina
12. Tscbirabi (Kimbi)
Lamasäu
26. Kindi
p
13. Mengue
Matendera
27. Matsehame
Mgameni
14. Muika
Mbaradia
28. Kibonoto (Scbira) Mangaro
Der gröfste und mächtigste Staat ist Kiboscho, der kriegerischste Häuptling ist Mandara, wenn er auch lange nicht über das gröfste Gebiet verfügt; am häufigsten sind von Europäern die Staaten Motschi, Maranu und Kiboscho besucht worden. In Motschi befindet sich bereits seit mehreren Jahren eine englische Missionsstation. Zwischen den Ein- gebornen der verschiedenen Staaten bestehen sowohl in physiologischer wie in sprachlicher Hinsicht Unterschiede, die indes noch eines eingehendem Studiums bedürfen; es scheint, dafs nicht die Bevölkerung aller Staaten zur selben Zeit eingewandert ist.
Die Bodenverhältnisse der Gebiete, welche die einzelnen Staaten innehaben, sind in bezug auf Anbau und Ertragsfähigkeit sehr verschieden, was ebenfalls auf die Entwickelung der Bevölkerung zurückwirkt und sie vielseitig verschieden voneinander macht. Einen gleichen Einflufs hat die Verschiedenheit in bezug auf regen Verkehr der einzelnen Staaten mit Reisenden und Händlern zur Folge gehabt; während einzelne Staaten noch nie mit Händlern in Berührung gekommen sind und sich auf einer recht ursprünglichen Stufe erhalten haben, sieht man z. B. in Maranu und Motschi die Männer und Frauen am Hofe Mirialis und Mandaras bereits nach allen Regeln der Kunst Karten spielen. Die Wadschagga befassen
x ) n ist ein nasaliertes n.
sich mit Ackerbau und Viehzucht; ihre Hauptnutzpflanze ist die Banane, die jedoch nur in wenigen Spielarten vorkommt. Sie gedeiht prächtig, gelangt aber in den höhern Regionen nicht ganz zur Reife; die Eingebornen helfen dem dadurch nach, dafs sie an der Spitze jeder einzelnen Banane einen Einschnitt machen. Daneben bauen sie Mais, mehrere Gattungen Bohnen, darunter Tschoroko (Phaseolus Mungo), Maniok, Bataten, Eleusine, Kolokasien, eine Schlingpflanze mit unregehnäfsig geformten Knollenfrüchten, die sie „Ndu" nennen, rosablütigen Tabak und in geringer Menge auch Zuckerrohr. Aus Bananen, Mais und Eleusine machen sie Mehl, aus letzterer Frucht jedoch hauptsächlich ein schwach säuerliches, nur leicht berauschendes Getränk. Aufser diesen Nutzpflanzen sieht man häufig junge Dracaenen zu lebenden Hecken um Gehöfte oder Pflanzungen angewendet.
Der Viehstand bestellt aus Rindvieh, Ziegen, Schafen und Hühnern. Das Hornvieh (Buckelrind) halten die Wadschagga in ihren eignen, fast ganz dunklen Hütten; dabei ist Stall- fütterung mitBananenstammfutter vorherrschend. Sie kennen die Kastration und üben sie auch aus. Hühner und Fische werden als Nahrungsmittel verschmäht. Aus der Milch bereitet man schöne Butter. Das Vieh wird durch einen Stich ins Herz getötet und darauf gesehen, dafs dabei womöglich kein Tropfen Blut verloren gehe. Die Wadschagga betreiben auch Bienenzucht. Auf hoher Stufe steht bei den Kilimandscharo- Bewohnern die Eisenindustrie, in manchen Staaten (Kiboscho voran) auch die Holzschnitzkunst. Bemerkenswert sind ferner die umfassenden Bewässerungsanlagen zur Berieselung der Pflanzungen.
Die Waffen der Wadschagga bestehen in Speeren, langen, geraden Schwertern und Schilden aus Büffelhaut; in den Staaten, welche in regem Verkehre mit der Küste stehen, findet man daneben bereits Hunderte von Gewehren, darunter viele Hinterlader, da sie deren Vorteile sehr wohl begreifen. Eine Beschneidung nach Masai-Art wird allgemein bei beiden Geschlechtern ausgeübt.
Die Wadschagga halten Sklaven (Wadschagga selbst und Wagvvenno) und treiben auch Handel mit solchen.
Die W a m e r u gehören zu demselben Stamme wie die Wadschagga und bilden einen Staat unter der Herrschaft des Häuptlings Matunda. Sie bewohnen den Südhang des Meru- berges unter ganz ähnlichen Verhältnissen wie ihre Stammesverwandten am Kilimandscharo. Die Bevölkerungszahl der Wameru mag sich auf 1500 belaufen. Die Leute stehen in einem gewissen abhängigen Verhältnis zu der am Berg- fufse gelegenen Wakuafi-Ansiedelung Aruscha a dschu und haben in vieler Hinsicht die Sitten und Gebräuche derselben angenommen. Ihre Hütten stehen, ebenso wie die der Wadschagga, zerstreut in den Pflanzungen, ohne Dorfkomplexe zu bilden.