Druckschrift 
Ostäquatorial-Afrika zwischen Pangani und dem neuentdeckten Rudolf-See : Ergebnisse der Graf S. Telekischen Expedition 1887-88 / von Ludwig v. Höhnel
Entstehung
Seite
38
Einzelbild herunterladen
 

sa

v. Höhnel, Ostäquatorial-Afrika.

uudDonyiro verwandt sind, deren Sprache sie auch sprechen. Sie bilden ein friedliches Völklein, das in der Nachbarschaft der Reschiat am Unterlaufe des Niänammflusses in mehreren kleinen Dörfern wohnt. Diefse stehen stets knapp am linken Flufsufer und sind mit guten, behauenen Baumstämmen um­pfählt. Die Hütten sind grofse, heuschoberartige Bauten, die mit einer dicken Schicht von Durrhastroh gut gedeckt siud. Man baut Durrha von ausgezeichnetster Güte, wenig Bohnen und Kürbisse und Tabak mit rosafarbenen Blüten; Vieh be­sitzen sie nicht. Während der Regenzeit tritt der Flufs über seine Ufer und überflutet die Felder; die Eingebornen sind während dieser Zeit an ihr Dorf gebannt. Jedes Dorf hat seinen Dorfältesten. In ihrer äufsern Erscheinung sind die Männer den Donyiro gleich; auffallender sind ihre "Weiber durch eine Verunstaltung der Unterlippe. Dieselbe wird durchbohrt und mit der Zeit derart ausgedehnt, dafs ein 78 cm im Durchmesser haltendes Stück eines Ochsen- hornes darin getragen werden kann. Die beiden Öffnungen des ca 7 cm langen Hornstückes sind mit Holzpfropfen ver­schlossen. Der Mund ist gezwungen, halb offen zu bleiben, die Zunge liegt frei, die untern Schneidezähne sind aus­gebrochen. Die Sprache dieser Weiber ist lallend, unver­ständlich , ihr Anblick geradezu scheufslich. Die Männer enthalten sich solcher Verunstaltungen und sind auch nicht beschnitten. Alle bisher gesehenen Völker kauten den Tabak oder schnupften ihn; es überraschte, uns hier einzelne Eingeborne zu finden, welche ihn aus Thonpfeifen rauchten. Die Reschiat sagten uns, dafs die Buma und Murle Menschen­fresser wären. Wir befragten sie deshalb; doch hatten sie nur ein Lachen als Antwort und meinten schliefslich, sie wären keine Menschenfresser, aber die Reschiat wären solche. Die Sitte ist demnach wohl nicht unbekannt, scheint jedoch bei diesen Völkern nicht geübt zu werden.

C. Hamitisehe Völker.

Die Rändile bewohnen ebenfalls die Samburuland- schaft, doch breiten sie sich weiter nach Osten und Nord­osten hin aus, wie die Burkenedschi. Ebenso wie diese hatten sie die nahe dem Rudolf-See gelegenen Gegenden wegen räuberischer Einfälle der Turkana verlassen, so dafs wir nur Gelegenheit hatten, einzelne Individuen dieses Stammes zu sehen. Die wenigen Rändile, die wir sahen und sprachen, waren von den Wakuafi und Burkenedschi sehr verschieden. Ihre Hautfarbe war lichter und hatte einen gelben, durch­scheinenden Grundton, der Gesichtstypus war wenig neger­haft, das Haar fein, länger, schlichter und viel weniger ge­kräuselt, die Nase weniger flach und breitgedrückt. Sie erinnerten sehr an die Zigeuner. Ihre Sprache ist gänzlich verschieden von der der Burkenedschi und enthält viele Somaliwörter, so dafs unsre Somali viele Wörter der Rän­

dile verstanden, ohne indes mit denselben auch nur halbwegs sprechen zu können. Bei unsrer ersten Zusammenkunft mit den Reschiat vermittelte ein Rändile die dürftige Ver­dolmetschung. Sie sollen ein friedfertiges, doch tapferes Volk sein. Ihr Besitz besteht in Kamelen, Pferden, Rind­vieh, Schafen, Ziegen und Eseln. Pferde soll es jedoch im südlichen Teile der Samburulandschaft nur wenige geben, um so mehr aber in den weiter nordöstlich gelegenen Ge­bieten. Die Rändile benutzen Pferde als Reit- und Ka­mele als Lasttiere. Ihre Waffen sollen in Speeren, Bogen und Pfeilen bestehen; Schilde sollen sie nicht haben. Wir fanden in einem ausgeraubten und flüchtig verlassenen Rändilekral schöne, aus irgend einer Faser flach geflochtene Stricke, ebenso prächtige geflochtene Schüsseln und Milch­behälter, die vollständig wasserdicht waren. Die Rändile kaufen Elfenbein von den Burkenedschi und bringen dafür Schafwollzeug; sie scheinen daher in Handelsbeziehungen mit weiter östlich wohnenden unbekannten Stämmen zu stehen. Ein Teil dieses Ahlkes wanderte vor mehreren Jahrzehnten zu den Reschiät, wo sie nun in einem grofsen Dorfe am rechten Ufer des Bafsflusses wohnen sollen.

Die Reschiät bewohnen die niedrige Landschaft am Nordende des Rudolf-Sees, eine Wald- und Wasserwildnis im Mündungsgebiet des Niänamm- und Bafsflusses. Im Westen reichen sie etwas weiter nach Norden, bis an den Fufs des Nakuäberges. Sie erzählten, dafs sie vor 6080 Jahren im Süden des Rudolf-Sees gewohnt hätten; von dort wären sie vertrieben worden und hätten flüchten müssen. Nach ihrer Überlieferung konnte sich nur ein Teil nach dem heutigen Wohnsitze retten; der Rest müsse irgendwo im Süden hausen; sie fragten uns auch, oh wir nicht dort irgendwo ihre Brüder getroffen hätten. Sie treiben Ackerbau und besitzen bedeutende Viehmengen, die in Buckelrindern, Ziegen, Schafen und Eseln bestehen; letztere werden auch gegessen. Sie pflanzen hauptsächlich Durrha und in geringerer Menge zwei Arten Bohnen; Tabak erhalten sie von den Murle und Kaffee durch die Kerre von den Aro.

Die beiden Flüsse Niänamm und Bafs teilen das Land in zwei ungleiche Teile; die Westseite soll stärker be­völkert sein als die Östliche. Die Reschiät leben in höchst einfach gebauten Dörfern; eins derselben, das in der Nähe unsers Lagerplatzes stand, hatte 100 bis 150 Hütten; mehrere kleinere Ansiedelungen, die oft nur aus wenigen Hütten bestanden, lagen in der Nähe des Flusses bei den Pflanzungen. Auf der Westseite soll es vier viel gröfsere Reschiätdörfer, aufser diesen noch zwei den Burkenedschi und ein den Rändile gehöriges Dorf geben. Beide Reschiät- hälften haben je einen Leibon und ein Oberhaupt, das sie Oromäj nennen. Die Stellung des Oromäj mag man mit