Einleitung.
In nachstehenden Blättern sind einige Ergebnisse einer Forschungsreise niedergelegt, welche in den Jahren 1887 und 1888 in Ostäquatorial - Afrika auf Kosten und unter der Führung des Grafen Samuel Teleki ausgeführt wurde.
Die ersten Versuche, in dieses Gebiet einzudringen, reichen in eine frühere Periode der Entdeckungsgeschichte Afrikas zurück. Mit Ausnahme von Krapf und später Hildebrandt, welche ihre Schritte nordwärts nach Ukambani lenkten, bildete immer der Kilimandscharo entweder das erstrebte Ziel oder die gebieterische Schranke nach dem fernem Innern. Ein Volk, dem Rufe nach äufserst raub- und mordsüchtig, hielt lange Zeit das darüber hinausliegende Gebiet für europäische Reisende verschlossen, obwohl Händler der Küste diese Länder bereits seit Dezennien nach Elfenbein ausbeuteten. Man könnte fast glauben, dafs diese Händler die blutige Gloriole um das in Rede stehende Volk der Masai nur deshalb gewoben haben, um andre, und zwar hauptsächlich Europäer, zu verhindern, einen nähern Einblick in die Landesverhältnisse zu gewinnen. Der namenlose Schrecken, den die Masai weit über ihre Grenzen hinaus verbreiten, ist thatsächlich vorhanden und erfüllt die Handelskarawanen in demselben Mafse wie die umwohnenden Völker. Trotz alledem ist es ein ausgesprochener Reisetrieb bei einem gleichzeitig glücklich - leichtsinnig angelegten Charakter, der die Leute dieser Küste hineintreibt und davor nicht zurückschrecken läfst. Einem Kenner der Küstenbevölkerung, wie es Dr.G.Fischer war, mufste sich jedoch der Gedanke aufdrängen, dafs Reisen, welche solche zitternden Banden alljährlich auszuführen wagten, doch nicht zu den Unmöglichkeiten für einen Europäer gehören konnten. Wir sehen ihn auch im Jahre 1882 sich aufmachen, in herzhafter Weise jene Schranken durchbrechen und, ohne sich durch weitverbreitete Märchen einschüchtern zu lassen, ein weites, neues Forschungsfeld eröffnen. Eine wenige Wochen später nachfolgende, vom Engländer J. Thomson geführte Expedition erscheint dem Kenner der Verhältnisse in weit weniger heroischem Lichte, wenn sie auch erfolgreicher ausfiel. Thatsächlich im Schlepptaue einer fast tausendköpfigen Händlerkarawane, hätte es gar nicht einer so
grofsen und kostspieligen Ausrüstung zu seinen Entdeckungen bedurft.
Nachdem der Kilimandscharo bekannter geworden und der furchtverbreitende Nimbus der Masai ein wenig geschwunden war, wurde dieses Gebiet in der Folge häufiger besucht. Der unglückliche Bischof Hannington, welcher in Usoga sein Leben für die heilige Glaubenssache liefs, und abermals der unternehmende Dr. G. Fischer durchzogen es, speziell letzterer auf neuem Wege, so dafs unsre Kenntnis dieses Landes rasch vervollständigt wurde. Für alle diese Reisen war jedoch der Baringo-See der nördlichste orreichte Punkt, und im Norden desselben gab es noch weite unbekannte Gebiete, bis zu welchen selbst Händlerkarawanen noch nie vorgedrungen waren, wo daher einem glücklichen Reisenden eine reiche Ernte von Entdeckungen winkte. Jene Gebiete waren das eigentliche Forschungsfeld der im Jahre 1887 ins Land gegangenen Expedition, von welcher hier die Rede ist; der Weg dahin führte bei den beiden Glanzpunkten Ostafrikas, dem Kilimandscharo und dem Kenia, vorbei.
Von Europäern beteiligten sich an dieser Expedition nur Graf S. Teleki und der Schreiber dieser Zeilen, welch letzterer speziell mit den geographischen Aufgaben betraut war.
Die mannigfachen Arbeiten während einer Forschungsreise , die Schwierigkeiten, welche uns häufig in den Weg traten, gestatteten nicht immer, an eine wissenschaftliche Ausbeute zu denken. Die in vieler Beziehung feindselige Natur der Gebiete erforderte als ersten Erforscher mehr einen Jäger und Soldaten, und wir wollen auch nur den Anspruch machen, als Pioniere betrachtet zu werden, welche als Wegbahner der Wissenschaft in neuen Ländern vorangegangen sind.
In diesen Blättern soll nur die Landesaufnahme besprochen und Näheres in oro- und hydro-, sowie auch in ethnographischer Beziehung mitgeteilt werden. Die Ergebnisse der mitgebrachten Sammlungen, die von Fachgelehrten bearbeitet werden, sollen seiner Zeit in verschiedenen Fachblättern zur Veröffentlichung gelangen.
V. Höhnel, Ostäquatorial-Afrika.
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