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Krause: Die Portugiesen in Abessinien
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4. Hydrographische Verhältnisse, a) Flüsse.
a) Der Nil.
Die mehr als 2000 Jahre alte Nilfrage kann heute als entschieden gelten. Die Quellen des Nils sucht man nicht mehr in Abessinien; sie sind in den zentralafrikanischen Seen gefunden. — Anders bei den Portugiesen. Sie kannten nur den einen Blauen Nil, den Abai, der für sie der Hauptstrom war; von dem westlicheren Weifsen Nil, der mit seinen Quellen über den Aequator hinaus reichte, hatten sie durch die Vermittlung der arabischen Quellen nur eine dunkle Ahnung.
Alvarez J ), unser erster portugiesischer Quellenschriftsteller ? teilt nur in wenigen Worten mit, was Pedro de Covilham über den Blauen Nil und die Seen erfahren konnte. Dabei scheint Alvarez gar nicht gemerkt zu haben, dafs sein Gewährsmann dieselben Dinge meinte, die Alvarez selber sah. An dieser Stelle erfahren wir, daß der Nil oder Gion — ein Name, der mit dem in der Bibel gebrauchten „Gihon" identisch ist 2 ) — in Gojam entspringt, und dals in diesem Reiche mehrere Seen vorhanden sind. Die dürftigen Angaben als einen „der ältesten und interessantesten Berichte über die Hydrographie Ostafrikas" zu bezeichnen, wie es Lucio Cor- deiro 3 ) tut, scheint doch etwas übertrieben.
Etwas genauer sind schon die Angaben des Joao de Barros (1552). Sein „Abanhi" entspricht dem abbessinischen Abai oder Abavi, d. h. dem Bahr-el-Azrak; er ist wie sein Tacazzi oder Atbara ein Zufiufs zu dem eigentlichen Nil, zu seinem Tacuj, der aus einem grofsen See kommt. Den Blauen Nil führt er durch einen See Barcana, den man mit Recht für den Bahr Tsana hält.
Auch Bermudes 1 ) kennt in seinen Schilderungen den See im Reiche Dambea, den er 1543 besuchte. Die Quelle
1 J ) Alvarez c. 135. -) Lobo (frz. Ausg.) p. 107. •') Cordeiro: L'Hydrographie africaine, p. 28.
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