Zehntes Kapitel
Medizin, Zeitrechnung, Rechnen, Sprache
1. Medizin
Älber die religiösen Grundelemente in den Vorstellungen der Barundi von aller Krankheit und von deren Heilmitteln haben wir schon oben gesprochen (S. 132). Zede Krankheit ist ihm Bezauberung durch einen Dämon, die nur durch einen Gegenzauber geheilt oder gebessert werden kann. Dieser Gegenzauber kann entweder durch den Zauberer, Medizinmann (umukumu) vermöge der ihm innewohnenden magischen Kräfte ausgeübt werden, indem er durch gewisse Manipulationen oder Beschwörungen oder aber durch Talismane und Amulette, denen er seine Kräfte eingeflößt hat, auf den Krankheitsdämon wirkt, oder indem er gewisse natürliche Substanzen, Kräuter, Säfte, Erden, tierische Körperteile, denen von Natur bestimmte magische Kräfte innewohnen, mit klugem Bedacht und reifer Sachkenntnis auswählt und für den jeweiligen Fall als spezifisches Heilmittel anwendet.
Gerade diese letztere Art von Anwendungen möchte ich als eigentliche medizinische Beeinflussung des Kranken bezeichnen, denn das Entscheidende dafür liegt eben darin, daß es Mittel sind, die ihre magische Kraft und Wirkung nicht erst von außen durch den Zauberer hineingetragen bekommen, sondern sie schon ursprünglich in sich enthalten. Ob diese Kraft als die Äußerung einer dem betreffenden Ding innewohnenden Seele oder als Ausstrahlung der dem Ding als solchem eigentümlichen Eigenschaften (im Sinne des von Karutz gelehrten „Emanismus"; Zeitschrift für Ethnol. 1913, S. 545ff.) von den Eingebornen angesehen wird oder von uns anzusprechen ist, läßt sich ohne eindringende Untersuchung nicht feststellen. Für unseren vorliegenden Zweck kommt diese Frage erst in zweiter Linie in Betracht. An Stelle des Zauberers können solche 3 priori mit Heilkraft begabten Heilmittel auch von jedem anderen klugen Mann oder Weib wirksam angewendet werden, wenn der Betreffende nur ihre spezifischen magischen Eigenschaften kennt und sie richtig auszuwählen versteht. Diesen innerlich und äußerlich gebrauchten Heilmitteln schließen sich solche an, die bestimmte mechanische Einwirkung bezwecken, wie z. B. Massage, Lavements, heiße und kalte Bäder, und weiter eine kleine Reihe chirurgischer Operationen von der einfachen Geschwüröffnung bis (angeblich) zum Kaiserschnitt (s. oben S. 110). Die schwierigen Fälle werden von einem erfahrenen, geschickten Amusumu behandelt, aber für den gewöhnlichen Bedarf hat jeder Familienvater eine Reihe von Hausmitteln im Gebrauch, deren Kenntnis sich vom Vater auf den Sohn vererbt und nötigenfalls auch dem erkrankten Nachbar zugute kommt.