X.
Die Siebenbürger Sachsen als Volk.
In Gfenpest gibt es, statistisch gesprochen, ein starkes Deutschtum. Dort leben in einer Stadt zusammengedrängt mindestens halb so viel Deutsche, wie in ganz Siebenbürgen auf ein Gebiet von 57250 Quadratkilometer verstreut. Die Deutschen der ungarischen Hauptstadt machen nach den Angaben des kgl. ung. Statistischen Zentralamts den siebenten Teil der dortigen Volkszahl aus,*) während die Siebenbürger Sachsen genau den elften Teil der siebenbürgischen Bevölkerung bilden. Und doch ist die Meinung außerhalb Ungarns stark verbreitet, daß Siebenbürgen „ein deutsches Land" sei. Das kommt unstreitig daher, weil die Sachsen dem Lande dort, wo es der Kultur gewonnen ist, den bestimmten Lharakter aufgeprägt haben. Das gilt auch von den magyarischen Städten Siebenbürgens, weil doch hier entweder die Sachsen die ursprünglichen Kolonisten waren oder zum mindesten die Anlage der Siedlung dem sächsischen Vorbild entsprach.
Es ist eigentlich eine geschichtliche und ethnographische Abnormität, die kaum ihresgleichen finden dürfte, daß eine so kleine Zahl von Menschen wie die Siebenbürger Sachsen, die obendrein bewußt und mit Recht zugleich Angehörige einer großen Nation sind und dafür angesehen werden wollen, als „Volk" bezeichnet wird. Die Erscheinung wird dadurch noch merkwürdiger, daß
*) Die Volkszählung von 1900 gibt für Gfenpest an: 578458 Magyaren, 104520 Deutsche, 25168 Slowaken und etwa 24000 Angehörige sonstiger Nationalitäten. Die Juden (168985) sind nicht als Nationalität gezählt; sie haben hier vorwiegend das Magyarische als Muttersprache angegeben.