I. Allgemeiner Teil.
1. Geschichtliche Entwicklung, Zweck nnd Arten der Kolonien.
Seit den Zeiten der alten Phönizier sehen wir, daß jedes Volk, sobald es zu einer gewissen Machtstellung gelangte, begann, das zu treiben, was wir heute Kolonialpolitik nennen, d. h. Teile seiner Bevölkerung, wenn auch nur zunächst einige Händler oder Beamte, in fremden, meist auf niedrigerer Kulturstufe stehenden Ländern anzusiedeln.
Die Zwecke, die mit solcher Kolonialpolitik von den verschiedeneu Nationen verfolgt wurden, oder welche durch die Anlage von Kolonien erreicht werden können, sind nun sehr vielfache, wie denn ja auch Wesen und Begriff der Kolonialpolitik im Lauf der Geschichte mannigfachen Änderungen unterworfen gewesen sind.
Die Phönizier, welche teils für ihre eigene» nationalen Staatsgebilde, teils für die fremden Eroberer, in deren Abhängigkeit sie schon früh gerieten, als die ersten, von denen uns dies sicher überliefert ist, zielbewußte Kolonialpolitik trieben, verfolgten damit rein kaufmännische Ziele.
Ihre berühmteste, schnell zu großer Macht gelangte Niederlassung, Karthago, das freilich nicht als Handelskolonie angelegt war, ging darüber hinaus und ließ sich zu einer recht landhungrigen Eroberungspolitik hinreißen, die zu dem bekannten Zusammenstoß mit den militärisch überlegenen Römern und damit in weiterer Folge zum Untergang ihres Reiches führte, das nun selbst römische Kolonie wurde.