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Die kriegerischen Ereignisse in den deutschen Kolonien im Jahre 1904 / von [Hermann] Kunz
Entstehung
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Eine wirkliche Besitzergreifung unserer Kolonie Deutsch-Südwestafrika konnte nur nach vorausgegangener Entwaffnung der Eingeborenen durchgeführt werden. Auf friedlichem Wege war aber eine derartige Entwaffnung unmöglich.

Es wäre wohl richtiger gewesen, wenn das deutsche Volk über diese Lage der Dinge schon vor 10 Jahren gründlich aufgeklärt worden wäre. Aber bei dem Mangel an Verständnis für koloniale Angelegenheiten, der unser Volk leider noch immer beherrscht, war es aussichtslos, unter scheinbar friedlichen Verhältnissen vom Reichstage eine Verstärkung der Schutztruppe auf 6000 Mann zu erlangen, die vielleicht ausgereicht hätte, um eine allmähliche Entwaffnung der Eingeborenen vornehmen zu können.

Selbst wenn der Reichstag schon 1894 eine Verstärkung der Schutztruppe auf 6000 Mann bewilligt hätte, würde aber die Entwaffnung der Eingeborenen nicht ohne schwere Kämpfe haben durchgeführt werden können. Der Unterschied hätte nur darin bestanden, daß wir die riesigen Verluste an Geld vermieden haben würden, die uns die Vernichtung des größten Teiles unserer Kulturarbeiten im Jahre 1904 auferlegt hat, und daß wahrscheinlich die Opfer an Menschen­leben geringer gewesen sein würden, als sie in Wirklichkeit leider ge­worden sind.

Bis zum 1. April 1890 herrschte in Teutsch-Südwestasrika unbeschränkte Handelsfreiheit, Tausende von Gewehren mitMunition sind schon vor diesem Termin in der Kolonie eingeführt worden. Dann folgte eine beschränkte Handelsfreiheit, und erst seit dem 1. Januar 1898 hat die Regierung sich das Monopol des Handels mit Feuerwaffen und Munition vorbehalten. Bis heute ist es unmöglich geblieben, die Einfuhr von Feuerwaffen aus den portugiesischen und englischen Besitzungen irgendwie ernstlich zu kontrollieren oder gar zu verhindern, wie das ja bei der riesigen Ausdehnung unserer Grenzen und der Schwäche unserer Macht­mittel nicht anders sein konnte. Überdies hat sich die Regierung dazu gezwungen gesehen, die Gefechtskraft der befreundeten Stämme sogar noch zu stärken, um sie gegen die feindlich gesinnten Stämme verwerten zu können.

Schon 1894 hatten manche Großlente der Hereros vollständige Munitions­magazine in ihrem Besitze. Die Eingeborenen waren also mit Feuerwaffen und Munition reichlich versehen, ja vielfach besaßen sie Gewehre modernster Art, be­sonders solche englischer Herkunft.

Sehr richtig sagt die am 29. November 1904 dem Reichstage eingereichte Denkschrift:Die Grundursache des Aufstandes ist in der doppelten Tatsache

zu suchen, daß die Hereros als ein von alters her freiheitsliebendes, eroberndes und maßlos stolzes Volk auf der einen Seite die Ausbreitung der deutschen Herrschaft und ihre eigene Herabdrücknng von Jahr zu Jahr lästiger empfanden, auf der anderen Seite aber und das ist das Entscheidende von dieser Herrschaft den Eindruck hatten, daß sie ihr gegenüber im letzten Grunde der stärkere Teil seien."

2. Der Aufstand der Bondelzwarts.

Die Bondelzwarts-Hottentotten bewohnen in der Südvstecke unseres Schutz­gebietes^) einen Flächenraum von etwas mehr als 45 000 Quadratkilometern, d. h. einen Raum, der um 5000 Quadratkilometer die Größe der Provinz Schlesien übersteigt. Die Zahl der Krieger der Bondelzwarts wird auf 500 bis 700 Mann geschätzt, die zum großen Teil mit Hinterladern bewaffnet sind.

*) Für alle Kämpfe in Südwestafrika wird auf die Kricgskarten von Dietrich Reimer verwiefen. 1: 800000.