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Kolonialpolitischer Führer / hrsg. vom Kolonialpolitischen Aktionskomité
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Bedeutung der Kolonien.

Wenden wir uns nun zu der Betrachtung der Gegenwart. Haben die Kolonien die auf sie gesetzten Hoffnungen erfüllt? Haben sie die deutschen Auswanderer und das Kapital angezogen, bilden sie einen guten Markt und versorgen sie Deutschland mit Rohstoffen und Lebensmitteln?

Besiedlungsfaliigkeit der deutschen Kolonien.

Es leben in unsern Gebieten, abgesehen von den Mitgliedern der Verwaltung und bewaffneten Macht, etwa 7000 Weisse, meist Deutsche, davon an 5000 in Ostafrika und Südwestafrika, die allein aus klimatischen Gründen für stärkere Besiedlung- in Betracht kommen. Dies Resultat erscheint gering, wenn man sich vergegen­wärtigt, dass die deutsche Auswanderung im ersten Jahrzehnt der deutschen Kolonialpolitik (188494) über 100000 Personen, seitdem 2030000 im jährlichen Durchschnitt betrug.

Von Sozialdemokraten ist daher das Bestreben, Siedlungskolonien anzulegen, verspottet worden: es sei eben in den Kolonien nichts zu hc-len, sagte Bebel am 1. Dezember 1906 im Reichstage, deshalb girgen die Auswanderer lieber in fremde Länder. Bei schärferem Hinsehen ist die niedrige Zahl der Ansiedler aber durchaus erklärlich und der Spott darüber ebenso oberflächlich, wie die grundsätzliche Opposition gegen die Kolonialpolitik überhaupt.

Die meisten Auswanderer konnten garnicht daran denken, in die deutsehen Kolonien zu gehen. Denn sie waren mittellos und waren darauf angewiesen, in einem kultivierten, kapitalistisch organisierten Lande durch ihrer Hände Arbeit in industriellen oder landwirtschaftlichen Betrieben ihren Lebensunterhalt zu erwerben: die deutschen Kolonien boten aber bei der Okkupation davon so gut wie nichts; man konnte also mit Scharen mittelloser Arbeiter nichts anfangen. Als Einwan­derer konnte man nur Elemente brauchen, die über ausreichendes Ka-, pital verfügten, irgendein Geschäft zu begründen und sich die ersten Ver­suchsjahre hindurch über Wasser zu halten. Dass von diesen Aus­wanderern ebenfalls wenig die deutschen Kolonien wählten, ist leicht verständlich: denn in kultivierten Ländern, wie Nordamerika, selbst in Südamerika, Anden sie für ihre Arbeitskraft und ihr Geld einen vor­bereiteten Boden, in Deutschafrika ist das Risiko und die Mühe weit grösser: man muss erst ausprobieren, welche Arbeit für das noch un­bekannte Land passt, muss also auf Fehlschläge und langsamere Er-