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Seeliandel und koloniale Erwerbungen.
i.
Um mit den unabhängigen Eingeborenen handeln zu können, schlossen die deutschen Firmen gewöhnlich bestimmte Verträge mit den eingeborenen Fürsten. Indessen oft hielten die Häuptlinge die Verträge nicht, um von den Händlern neue Geschenke und Zugeständnisse zu erpressen. Da hinter den deutschen Kaufleuten eine bewaffnete Macht nicht stand, mussten sie sich entweder fügen, oder den Schutz fremder Staaten, wie Frankreich und England, anrufen. Dieser Schutz ist, solange der deutsche Handel klein war, auch wiederholt gewährt worden; als er als Konkurrent unbequem zu werden begann, wurde,'der Schutz oft versagt, z. B. in Westafrika in den siebziger Jahren.Wenn der deutsche Handel an solchen Stellen nicht vernichtet werden sollte, musste das Deutsche Reich eingreifen und die Wilden zur Erfüllung ihrer Verpflichtungen zwingen.
Eine weitere Schwierigkeit erwuchs aus der Natur dieses Verkehrs. So lange der Deutsche nur Niederlassungen an der Küste be- sass, hing sein Geschäft von dem Wohlwollen der benachbarten Stämme ab. Denn diese dienten als Zwischenhändler mit dem Hinterlande, verhinderten also den direkten Verkehr zwischen den Europäern und den wichtigsten Produzenten, obgleich auch diese vielfach den Wunsch hegten, mit den europäischen Käufern selbst zu handeln. Sie erschwerten und verteuerten somit das Geschäft, und jede rationelle Geschäftspraxis musste danach streben, über diese Nachbarstämme hinweg in unmittelbaren Verkehr mit den entfernteren Stämmen zu kommen. Zu dieser Beeinflussung auf die Binnenstämme fehlte -den Kaufleuten die Macht: im Interesse der Sicherheit und der Ausdehnung ihres Geschäfts war somit das Eingreifen des Staates nötig.
Endlich war es unumgänglich, starken Einfluss auf das Hinterland zu gewinnen, um die Produktion zu regeln und zu verbessern. Denn die Eingeborenen trieben bekanntlich Raubbau und dachten nicht daran, z. B. die zerstörten Gummibäume durch neue Pflanzungen zu ersetzen, das Wild zu schonen u. dergl. Wenn also die Firmen nicht eine Verminderung oder gar eine Vernichtung ihres Handels befürchten wollten, mussten sie trachten, den Eingeborenen eine rationelle Wirtschaft beizubringen, womöglich Pflanzungen unter europäischer Leitung anzulegen. So gesellte sich ganz von selbst zu dem Streben nach wirtschaftlichem Gewinn die Notwendigkeit, die Eingeborenen zu regelmässiger, fruchtbringender Arbeit zu erziehen, ohne die eine höhere Kultur überhaupt undenkbar ist. Wie die Kundgebungen von Hamburger Firmen in den siebziger Jahren beweisen, haben sie diese ideale