Druckschrift 
Die Neugestaltung unserer kolonialen Aufgaben : Festrede, gehalten ... den 7. März 1911 / von M. J. Bonn
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

36

geborenen durch Auszahlung von Geldlöhnen die Mittel zum Konsum europäischer Waren gewährt. Die eigent­liche Aufgabe der Kolonialpolitik ist nicht die Monopo­lisierung bestellender Märkte, sie beruht in der möglichst weiten Ausdehnung neuer aufnahmefähiger Märkte. Die Einfuhr an sich stellt dabei ursprünglich ein Mittel dar, das die Ausfuhr möglich macht. Erst wenn dieses Mittel erfolgreich gewesen ist, erst wenn sich die Kolonie mit Produzenten füllt, die kaufkräftig sind, weil ihre Waren verkäuflich sind, wird den mutterländischen Industrien ein sicherer, stets sich ausdehnender Absatz gewonnen werden.

Wenn unsere Kolonien heute dicht bevölkerte Ge­biete darstellten, die dem Weltmarkt und dem Mutter­lande große Mengen wirtschaftlicher Güter lieferten oder entnähmen, so wäre ihre weitere Entwicklung zwar sehr wichtig, aber immerhin nur in verhältnismäßig eng be­grenztem Rahmen möglich. Gerade die Tatsache, daß sie wirtschaftliches Neuland sind, dessen kaum geritzter Boden reiche Ernten verheißt, bedingt ihre nationale und internationale Bedeutung.

X.

Man kann häufig dem folgenden Gedankengang be­gegnen: Deutschland, so führt man aus, habe eine stark wachsende Bevölkerung. Es habe keine Kolonien, die den Ueberschuß aufzunehmen vermöchten. Wenn die Frage der Auswanderung, die sich aus dieser Gegen­überstellung ergibt, heute nicht brennend sei, so liege das an der gewaltigen industriellen Entwicklung Deutsch­lands, die sämtliche Arbeitskräfte aufsauge und selbst Hilfskräfte aus dem Auslande anlocke. Allmählich müsse sich jedoch das Tempo dieses Aufschwungs ver-