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geborenen durch Auszahlung von Geldlöhnen die Mittel zum Konsum europäischer Waren gewährt. Die eigentliche Aufgabe der Kolonialpolitik ist nicht die Monopolisierung bestellender Märkte, sie beruht in der möglichst weiten Ausdehnung neuer aufnahmefähiger Märkte. Die Einfuhr an sich stellt dabei ursprünglich ein Mittel dar, das die Ausfuhr möglich macht. Erst wenn dieses Mittel erfolgreich gewesen ist, erst wenn sich die Kolonie mit Produzenten füllt, die kaufkräftig sind, weil ihre Waren verkäuflich sind, wird den mutterländischen Industrien ein sicherer, stets sich ausdehnender Absatz gewonnen werden.
Wenn unsere Kolonien heute dicht bevölkerte Gebiete darstellten, die dem Weltmarkt und dem Mutterlande große Mengen wirtschaftlicher Güter lieferten oder entnähmen, so wäre ihre weitere Entwicklung zwar sehr wichtig, aber immerhin nur in verhältnismäßig eng begrenztem Rahmen möglich. Gerade die Tatsache, daß sie wirtschaftliches Neuland sind, dessen kaum geritzter Boden reiche Ernten verheißt, bedingt ihre nationale und internationale Bedeutung.
X.
Man kann häufig dem folgenden Gedankengang begegnen: Deutschland, so führt man aus, habe eine stark wachsende Bevölkerung. Es habe keine Kolonien, die den Ueberschuß aufzunehmen vermöchten. Wenn die Frage der Auswanderung, die sich aus dieser Gegenüberstellung ergibt, heute nicht brennend sei, so liege das an der gewaltigen industriellen Entwicklung Deutschlands, die sämtliche Arbeitskräfte aufsauge und selbst Hilfskräfte aus dem Auslande anlocke. Allmählich müsse sich jedoch das Tempo dieses Aufschwungs ver-