Druckschrift 
Die Neugestaltung unserer kolonialen Aufgaben : Festrede, gehalten ... den 7. März 1911 / von M. J. Bonn
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

- 5

Wunsch, diese auswandernde Bevölkerung dem Mutter­lande zu erhalten, werde Deutschland zur gewaltsamen Aneignung fremder Siedlungskolonien zwingen, hätte im Jahre 1884 vielleicht eine theoretische Bedeutung be­sessen; sie ist heute gegenstandlos geworden, allerdings nur unter einer Voraussetzung.

II.

So sehr die inneren Hilfskräfte des Deutschen Reiches auf allen Gebieten gewachsen sind, sie reichen natur­gemäß nicht aus, die vermehrte Bevölkerung mit allen Nahrungsmitteln und allen notwendigen Rohstoffen zu versehen. Eine völlige Deckung des Bedarfs wäre überhaupt nur bei solchen Nahrungsmitteln und Roh­stoffen denkbar, deren Erzeugung in Deutschland klima­tisch möglich ist. Der deutsche Außenhandel muß jeden­falls sämtliche Produkte der Tropen und Subtropen liefern. Dazu kommen noch große Mengen Güter, die zwar technisch in Deutschland erzeugt werden könnten, die aber nicht in den notwendigen Mengen geliefert werden. Die Möglichkeit, eine wachsende Bevölkerung festzuhalten, ohne daß sie durch Auswanderung stark vermindert wird, beruht daher auf dem ungehinderten Bezug der notwendigen Nahrungsmittel und Rohstoffe, deren Einfuhr denn auch gewaltig gewachsen ist. Der Ueberschuß der Einfuhr über die Ausfuhr an Nahrungs­und Genußmitteln, einschließlich Vieh, ist von 828,1 Mil­lionen Mark im Jahre 1889 auf 1982 Millionen Mark gestiegen: der Ueberschuß der eingeführten Rohstoffe gar von 1102,6 auf 2987 Millionen Mark l ). Es bedarf keiner ausführlichen Erörterung, daß das Versagen jener Bezugsquellen große deutsche Industrien stillegen würde, daß z. B. eine Verminderung der Baumwolleinfuhr große