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Die Neugestaltung unserer kolonialen Aufgaben : Festrede, gehalten ... den 7. März 1911 / von M. J. Bonn
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enden. Er will weder selbst den Arbeiter spielen, noch will er seine eigenen Volksgenossen beschäftigen. Findet er keine ausreichende eingeborene Bevölkerung an Ort und Stelle, so bemüht er sich mit allen Kräften, eine solche von außen herbeizuziehen. Es liegt in der afri­kanischen Atmosphäre etwas, das selbst den kleinen Mann veranlaßt, den Herrn herauszukehren und der unter­worfenen Rasse oder fremden Einwanderern gegenüber seine politische Ueberlegenheit darzutun. Wenn früher der deutsche Taglöhn er in englischen Kolonien neben dem Eingeborenen, aber unter dem Engländer oder dem Buren arbeitete, so ist er heute in einer deutschen Kolonie kaum bereit, den »Knecht« zu spielen. Er überläßt das dem Eingeborenen oder Einwanderern aus anderen Teilen Europas, die er für tiefer stehend hält. Er ist »Herr« geworden, oder zum mindesten auf dem Wege zum Herrn und betrachtet den kroatischen Eisenbahn­arbeiter in Südwest mit der gleichen Verachtung als »Halbeingeborenen«, die der Engländer im Transvaal den italienischen Grubenarbeitern oder der Franzose in Oran dem spanischen Taglöhner angedeihen läßt.

VII.

Der europäische Unternehmer, der heute in Afrika einwandert, kann eine doppelte Aufgabe lösen: er kann sich mit der Rolle des Kaufmanns begnügen, der die Produktion der Eingeborenen aufkauft, oder er kann als Pflanzer oder Farmer mit eingeborenen Arbeitern eine eigene Wirtschaft begründen. Eine strenge Teilung beider Gruppen ist im kolonialen Leben kaum möglich. Der Kaufmann, der Baumwolle von den Eingeborenen zu erhandeln wünscht, kann sich nicht damit begnügen, die Produkte der Eingeborenen in Empfang zu nehmen.