MICHELANGELO
Vor Tagen wohl kam Jugend imH der lebendige
Liebreiz zur Erde nieder, als die aufblühende
Noch voll Kraft war, ungestört, die erhabene,
Nicht geschändet durch die unzähligen
Füße Mißachtender, als ewig noch
Die Lust der werdenden Tage anzudauern schien,
Und Alter nicht und Sorge des Todes und
Enttäuschung den Blick der Bewohnenden
Deiner Felder und Städte, o Mutter, so getrübt
Und ihre Wünsche so hart gemacht und die frühe Gier
So zerreißend, daß sie nach allem auf
Langten, ungebärdiger Hand und hungriger
Zähne, die Wissenden um Elend und die Schmach
Kranker Tage und Armut und Verlassenheit.
Vor Tagen auch wohl stiegen des goldnen Ruhms Kinder von heimatlichen Höhn Der Sonne nieder und ihre strahlenden Glieder lebten unschuldiger Lust; und heute noch Ist eine Sage bei unsern fernesten, Dämmerhaften Halbtagen geblieben von Schönheit der Erstgeborenen und dem Glanz Göttlicher Augen, die von Vergangenheit Unbeschattet auch in die Zukunft hin Wie in Felder der Lust und Licht ohne Abend Sahen, und deren unbefleckter Mund Worte verkünden durfte, die uns jetzt wohl Geheimnisvoll dünken — ihnen aber Waren sie ohne Verhüllung schön, wie die Blumen und
das Licht.
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