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Lieder und Elegien / von Rudolf Alexander Schroeder
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GOETHE (August 185,9)

Gleich wie auf Adlersflügeln, die mit sicherm Schwung Die leichte Luft zerteilend in das fernste Blau, Die Stolzen, herrlich dringen, hebe sich mein Lied.

Im Felsenleib gegründet steht auf Klippen selbst

In sicherer Ruhe fest getürmt ein stolzes Haus,

Das Sturm und Fluten mit dem immer gierigen Zahn

Umsonst benagen; über Schätzen, Volk und Land

Thront einer mächtig, wie ein Göttlicher begabt

Und herrschend wie ein Gott; vor andern wohl

Hebt eines schönen Leibes jugendliche Kraft

Sich in lebendiger Kühnheit unberührt hervor,

Daß wir vergessen, wie auch das vergänglich ist,

Und daß es uns unsterblich scheint und nie erzeugt:

Bei Bäumen auch sind Riesen, deren stolze Kraft

Schwer schattend über den entzückten Fluren hängt,

Und Blumen sind, die mit so wundervollem Duft

Erfüllen ihrer Blätter farbig zarten Kreis,

Daß sie uns wie ein Zauberspiel des fernsten Traums,

Wie Grüße rühren, die aus unbekannter Luft

Zu uns heranwehn. Schönheit, kennen wir sie denn?

Wem soll ich den vergleichen, welchem alles ward,

Was alle wünschen, wenn sie anders weise sind?

Der Fürst hat wohl die Macht. Um den erhabnen Thron Legt sich die Welt in Zittern; und der Riesenarm Des Hochgewaltigen schmettert mit erprobter Wucht Die Scharen nieder, die der eisernen Stirne sich Entgegen trotzig mühten; Friede wächst wohl auch

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