Einführung
Das neunzehnte Jahrhundert hat in der Machtstellung der europäischen Nationen weittragende Veränderungen hervorgebracht, im Leben der Kulturvölker neue Erscheinungen gezeitigt, die in ihren Wirkungen weit über unsern Weltteil hinaus die ganze Erde in ihren Bereich gezogen haben. Der über die Grenzen der europäischen Staaten ins außereuropäische Ausland überflutende Menschcn- strom, die Entwickelung der Technik und der bedeutende Aufschwung der Industrie nahmen notgedrungen das Interesse der Regierungen im höchsten Maße für sich in Anspruch. Die Jndustrieentwickelung bei den Kulturstaaten Europas brachte die Erzeugnisse ihrer Länder, die Arbeit der Kulturmenschen bis in die fernsten Gebiete des Erdballs, um von dort her die Produkte fremder Weltteile, die Erzeugnisse der Tropen einzutauschen, welche auf dem Weltmarkt ihren Wert besaßen.
In dieser Gemeinsamkeit der allenthalben übermäßig schnellen Jndustrieentwickelung, welche zur Überproduktion führte, liegt hauptsächlich das Moment, das zu einer neuen Phase im Leben der Kulturvölker trieb. Die einzelnen Nationen schlössen sich gegen einander durch Zollschranken ab, um die einheimische Arbeit zu schützen, die fremdländische so gut als möglich fernzuhalten oder doch in der Konkurrenz zu benachteiligen. Mit dieser seit den letzten Jahrzehnten bestehenden Thatsache haben die Kulturvölker in der Gegenwart mehr denn je zu rechnen. Aus ihr erklärt sich die uns hier vor allem angehende und allen Kulturvölkern gemeinsame EntwickelungsPhase: das Streben nach Möglichkeit auf der Welt sich eigene Gebiete zu sichern, in welche der überflutende Menschenstrom gelenkt und so der eigenen Nation erhalten werden kann, oder in denen die Kulturvölker in der Lage sind, ihre industriellen Erzeugnisse abzusetzen und die für das Kulturleben der Gegenwart notwendigen Rohstoffe beziehungsweise Kolonialprodnktc zu erwerben, mit einem Wort, das Streben nach Kolonialbesitz.