8. Deutschgalizien im Kriege.
Die Leiden und Nöte des Krieges haben für die Deutschen Galiziens einen vollen Monat eher begonnen, wie für die übrige europäische Welt. Das klingt wunderlich. Wer es miterlebt hat, der weiß, daß es wahr ist.
Ist es ratsam, in gegenwärtiger Stunde, wo wir alle von der Hoffnung beseelt sind, daß nach dem Kriege eine große, neue Friedenszeit beginnt und insonderheit all die Gegensätze und Mißverständnisse zwischen den in den beiden Mittelmächten zu gemeinsamer Waffenbrüderschaft zusammengeschmiedeten Nationen ein Ende haben werden — ist es ratsam, jetzt alte Wunden aufzureißen? Indes es handelt sich um die Wahrheit. Vor allem, daß der Friede, der jetzt geschlossen wird, kein fauler Friede sein möge, sondern ein Friede, der gegründet ist auf nüchterne, wahrheitgemäße Erwägung der Tatsachen und eine diesen Tatsachen entsprechende Politik!
Es würde der Wahrheit widersprechen, wenn wir uns vortäuschen wollten, daß das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Polen vor dem Kriege ein befriedigendes gewesen sei. Es war in Preußen nicht befriedigend, es war aber auch nicht im geringsten in Oesterreich befriedigend. Auf diese Tatsache werfen die Ereignisse des Juli 1914 ein grelles Schlaglicht. Es war gerade in jenen Tagen, als die Schreckensstunde von dem Morde in Sarajewo Oesterreichs Gaue durchflutete — da rotteten sich in einer ganzen Reihe galizischer Städte Pöbelhaufen, unter ihnen aber auch eine ganze Reihe Studenten, Hochschüler und akademisch gebildeter Leute zusammen und zogen mit Steinen, Eisenstücken, Knütteln und sonstigen derartigen Gegenständen bewaffnet vor die deutschen Kaufläden, Geschäfte, Schulen und Anstalten, um dieselben mit einem Steinhagel zu überschütten und unzählige Fensterscheiben zu zerstören. Natürlich ging es auch nicht ganz ohne Beschädigung von sonstigem Eigentum und von Personen üb. Das war das erste Bombardement im Jahre 1914. Am schwersten wurden dadurch die deutschen Erziehungsan-