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Reden.
Rede auf dem Marktplatz in Bremen zur Sedanfeier, 1880. Zehn Jahre sind seit jenem großen Tage vergangen, der mit einem beispiellosen Siege einen frevelhaft heraufbeschworenen Krieg beenden zu sollen schien. Wir wissen alle, daß die Hoffnung zu eilfertig an das schöne Ziel vorausflog, nach dem alle Kämpfe lechzen: Frieden. Neue Schlachten wurden geschlagen, bis zum äußersten widersetzte sich der Feind, in immer härteren Proben bewährte sich der Heldenmut der Unseren, bis der Kreis der Zeit ausgefüllt und die große Stadt bezwungen war, bis eine alte Sehnsucht Erfüllung wurde und der Glanz der Krone sich mitten im Feindesland erneuerte. Aber die Erinnerung an die gewaltige Zeit hat sich diesen Tag erkoren, um sich dankbaren Herzens den Ernst und den Gewinn jener Tage aufs neue vor die Seele zu führen, Macht doch auch der einzelne Mensch Halt in seinem Leben, um auf das vergangene zurückzublicken. Wir bedürfen der Marksteine, die uns zeigen, welchen Weg wir zurückgelegt. Das Leben flutet weiter, eine Welle verschlingt die andere, ein Augenblick nimmt den andren in sich auf. Da laden die Steine zur Rast, zur Einkehr in uns selbst. Wir legen Kränze an ihnen nieder. Auch der Ärmste und Gedrückteste, dem der Dank für sein Dasein schwer wird, begrüßt seinen Werde- und Geburtstag wie einen Festtag. Tut das der einzelne Mensch, wie viel mehr ein Volk, das wie das unsre aus einem großen Kriege neuverjüngt, neugeboren hervorging, das dankbar zu sein den edelsten, gerechtesten Grund hat.
Das Vaterlandsgefühl vereint uns hier, alle, ohne Ausnahme, die in dem Land ihrer Väter die starken Wurzeln ihrer Kraft fühlen. Alle Meinungsverschiedenheiten sind vergessen, der Hader der Parteien schweigt, die unversöhnlichsten Gegner reichen sich die Hände. Heute fragt keiner, ob der Glaube seines Nachbarn zu dem Gotte betet, der über den Sternen seinen Thronsitz hat, oder ob er sich unter ein ewiges ehernes Gesetz beugt, das in den Geschicken der Menschen und der Völker waltet wie im Gewitter^