Vorwort.
Die Zeit der Reisen kommt mit schnellen Schritten näher und näher, und mancher fragt sich: „Wohin gehe ich während meiner Ferien?“
Wer noch nicht in Tirol war, den bewegen die Schilderungen seiner Bekannten, in dieses herrliche Gebirgsland zu pilgern und dasselbe kreuz und quer zu durchwandern, und wer bereits dort war, den zieht es immer wieder hin. Tirol bietet uns einen Überfluß an landschaftlichen Schönheiten und zwar in allen seinen Teilen, gleichviel ob Nord, ob Süd, ob der Osten, ob der Westen in Betracht kommt. Der italienische Teil Tirols, den wir auch wohl mit geringem Rechte „Welschtirol“ benennen, steht dem deutschen Landesteile, was landschaftliche Reize anlangt, in nichts nach und dennoch ist er wenig von Deutschen besucht. Es ist nicht dieses Ortes, die Schönheit der Gebirge und Täler Südtirols zu schildern, aber auf etwas soll aufmerksam gemacht werden, nämlich darauf, daß es nachgerade für jeden Deutschen, der Tirol zu seinem Sommeraufenthalte macht, zur nationalen Pflicht wird, einige Orte des deutschen Südtirols zu besuchen. Es gibt da unten noch so viel zu tun, denn auch dort wohnen Deutsche, die unsere Stammesbrüder sind und sich freuen, wenn wir ab und zu auch ihnen einen Besuch abstatten.
Eigentlich wäre es notwendig, von Bozen abwärts jeden Ort zu besuchen, und jene kerndeutschen Männer, die sich so große Mühe geben, das Deutschtum zu heben und zu fördern, vorne hm lich die Geistlichen und die Lehrer, aufzumuntern und ihnen Mut zuzusprechen zu ihrem beschwerlichen Streben. Die Bewohner des Etschlandes unterhalb von Bozen haben einen bedeutenden Rückenhalt, das geschlossene deutsche Sprachgebiet grenzt an ihre Heimat an. Ungleich trostloser ist die Lage jener Orte, welche fernab vom deutschen Sprachgebiet liegen, von italienischen Gemeinden umgeben. Wir haben hier zunächst die deutschen Gemeinden im Nonsberge (Proveis, Laurein, St. Felice, Unsere liebe Frau im Walde-Frauen- wald), die nordwärts mit dem Ulten- und Etschtale in Verbindung stehen, die deutschen Sprachinseln südöstlich von Trient: die Dörfer des Fersentales (Mocchen- tal*) und das Bergdorf Lusern.
Für einen Tagesausflug eignet sich das obere Fersental ganz vorzüglich, das auf dem östlichen (linken) Abhange vier deutsche Dörfer trägt, nämlich „Eichleit“, „Gereut“, „Außerflorutz“ und „Innerflorutz“, während der Hauptort „Palai“ am rechten Ufer im Hintergründe des Tales hegt. Das Fersental wird von der Balmstation Pergine aus erreicht.
Zwischen dem Brentatale, durch welches seit einer Reihe von Jahren die Valsuganabahn führt, im Norden und dem Asticotale im Süden dehnt sich eine beträchtliche Hochfläche aus, die unter den Alpen Tirols in Hinsicht auf ihre Größe und Schönheit eine hervorragende Stelle einnimmt. Am südlichen Rande dieser
*) (Siehe: Hans Leck: Deutsche Sprachinseln in Wälschtirol. Stuttgart, 1884; Karl Aue.