65
noch nicht vorhanden sind, die vorhandenen in den Kinderschuhen stecken, jedoch die Möglichkeit ihrer denkbar grössten Ausdehnung gegeben ist.
Die ungemein grossen Verschiedenheiten in Klima, Vegetation, Bodenprodukten, Charakter des Landes, auch der Einwohner, hervorgerufen durch die Lage in der heissen Zone bei maximalen Bodenerhebungen, machen dem Fernstehenden eine Orientierung schwer. Ein Land, bei dessen Durchquerung der Reisende brennende Sandwüsten, eisige Hochsteppen, mit ewigem Schnee bedeckte Hochkordilleren passieren muss, um dann in zwölf- stiindigem Ritt von den Gletschern durch paradiesische Täler in die Region des Kaffees und Zuckerrohrs zu gelangen und schliesslich nach wochenlangem Marsche durch Gummiwaldungen oder tropische Grassavannen die Grenze zu erreichen, ist natürlich für den Fremden nicht leicht übersichtlich. Ebenso verschieden wie das Land sind seine Produkte. Die edelsten Metalle Gold, Silber, Kupfer, Zinn, Wolfram, Antimon enthalten die Riesenwälle der Kordilleren, deren Fass auf der Hochebene ruht, die kaum dem genügsamen Indianer und seinem Llama Unterhalt gewährt. Weizen, Mais, Gerste, Alfalfa, Tabak, tropische Früchte, Wein, Kaffee, Zuckerrohr, Kakao, Gummi, Koka, eine unendliche Menge wertvollster Hölzer, kurz alles, was ein reicher Boden in allen Zonen produzieren kann, bringt er hier je nach der Höhenlage auf relativ engem Raume hervor. Diese Schätze können schon heute gehoben werden. Das, was fehlt, ist Kapital, Fachkenntnis und wirtschaftliche Energie. Dem wirtschaftlichen Unternehmungsgeiste Orientierung in diesem Lande der Gegensätze zu verschaffen, ist der Zweck der nachstehenden Zeilen.
Das bolivianische Hochland.
Der pazifische Krieg nahm Bolivien sein Litoral, wüst an der Oberfläche, jedoch ungeheure Reichtümer in seinen Salpeterlagern bergend. Bolivien ist heute reines Binnenland ohne Küste. Der Hafen Antofagasta ist jetzt chilenisch und der von dort kommende Reisende erreicht erst nach l 1 /« tägiger Eisenbahnfahrt die bolivia-
Deutsche Interessen. r